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morgenpost.de Von Volker Blech
Ein jüdischer Junge beschuldigt seinen Vater des Ritualmords: Iván Fischer zeigt seine Oper "Die Rote Färse". Der Chefdirigent des Konzerthausorchesters debütiert mit dem Werk in Berlin als Komponist.

Als das Gespräch auf seine eigene Musik kommt, lehnt sich Dirigent Iván Fischer, 63, entspannt auf der Couch zurück. Es geht um sein Herzblut, plötzlich ist er ganz der Komponist. Er nippt an seinem Kaffee, eigentlich ist er noch ein wenig müde, erst am Vortag war er aus Budapest zurück gekehrt. Dort in seiner Geburtsstadt wurde die – wie er es nennt – grotesk-lyrische Oper “Die Rote Färse” aufgeführt.

Er ist noch voller Eindrücke, zumal er sich mit seinem ungarischen Publikum in Übereinstimmung fühlt. Liberale Geister, die Probleme mit dem neuen Antisemitismus im Lande haben. “Viele wollten auch wissen, wie ich aus einer so traurigen Geschichte eine Groteske gemacht habe”, sagt Fischer.

Am Freitag und Sonnabend wird sein Stück vier Mal am Gendarmenmarkt aufgeführt. Es ist das erste Mal, dass sich der Chefdirigent des Konzerthausorchesters in Berlin als Komponist vorstellt.

Ein Mädchen ist verschwunden

Sein Stück, das er eine Art postmodernes Musiktheater nennt, dreht sich um die sogenannte Tiszaeszlar-Affäre von 1882. Ein 14-jähriges christliches Mädchen war verschwunden und die Dorfbewohner waren sich schnell einig darüber, dass die Juden das Mädchen zum Pessachfest geopfert haben.

Es kam zu einem landesweit verfolgten Prozess. Über die Geschichte wird in Ungarn seither immer wieder geredet. “Sie ist auch deshalb bekannt”, sagt Fischer, “weil sie von Rechtsradikalen immer noch aufgegriffen wird. Die glauben immer noch, dass das arme Mädchen für Ritualzwecke von den Juden ermordet wurde. Sie haben ein Mahnmal in dem Dorf errichtet, das zum Pilgerort für Neonazis geworden ist.”

Aber jenseits aller aktuellen politischen Brisanz liefert der historische Prozess nur den Rahmen für das 50-minütige Stück, denn eigentlich interessiert den Künstler etwas anderes daran, etwas Psychologisches. Der Prozess konnte seinerzeit nur stattfinden, weil der 13-jährige Moric Scharf als Hauptzeuge gegen seinen Vater und dessen Kameraden auftrat. “Ich finde diese Geschichte faszinierend”, sagt Fischer: “Es geht um den Fall einer falschen Aussage. Aber wie kann man jemanden dazu bringen, den eigenen Vater zu beschuldigen, der möglicherweise deshalb aufgehängt wird? Der Sohn wurde entweder manipuliert oder gefoltert. Man weiß es nicht genau.”

Der Wunsch nach Assimilation

Das Thema hat Fischer, der selbst aus einer jüdischen Musikerfamilie stammt, jahrelang beschäftigt. Ursprünglich wollte er gemeinsam mit seinem Freund Miklos Erdely, der 1981 den Film “Verzio” über die Ritualmordlegende von Tiszaeszlar gedreht hatte, eine Opernversion schaffen. Als der verstarb, ruhte das Projekt. Fischer griff es angesichts der hitzigen Diskussionen in Ungarn wieder auf.

Der Junge wird bei ihm zu einer Identifikationsfigur, es ist eine zerrissene Figur. “Was diesen Jungen eigentlich verführt hat, war der Wunsch nach Assimilation”, sagt Fischer: “Er glaubte, er müsse nur aus der jüdischen Identität austreten und würde sofort in die neue Gesellschaft aufgenommen.

Er wollte ein ganz normaler Ungar sein.” Dass nationale Mehrheiten bis heute einen ungeheuren Druck auf Minderheiten ausüben, hält der Komponist für die Wurzel vieler Konflikte weltweit. “Jemand aus der Minderheit will zur Mehrheit gehören, akzeptiert werden. Es ist der falsche Weg, aber man sieht es überall”, sagt Fischer.

Der Prozess wurde eingestellt

Aus Mangel an Beweisen wurde der Prozess seinerzeit eingestellt, die Angeklagten freigelassen. Kurz darauf kehrten Vater und Sohn nach Hause zurück, unter ein Dach. Erst 45 Jahre später wird Moric Scharf nach den Vorgängen befragt.

Der Reporter fragte etwa: Was hat Dein Vater gesagt? Die Antwort: Er hat nie mit mir darüber gesprochen. Die Reaktion hat Fischer beeindruckt. “Das ist genial vom Vater, er gibt seinem Sohn die Zeit, es selbst zu überdenken.”

Offenbar verwendet Fischer dieses Prinzip auch in seinem Stück. Er nennt es “eine Art Reflexionskunst. Es gibt lange Szenen, in denen nichts geschieht. Das ist die Zeit, in der das Publikum verarbeiten kann, was es gerade erfahren hat.” Was die Botschaft, die Direktheit angeht, fühlt sich Fischer zwar mit Brecht verbunden, aber natürlich läuft das in der Musik anders ab.

Stile krachen aufeinander

Fischer erklärt sich zum Protagonisten jener Kompositionstechnik, “in der mehrere Stile aufeinander knallen.” Das 20. Jahrhundert habe uns gesagt, so der Komponist, erfinde eine neue Sprache. Das war etwa Schönbergs Zwölftonmusik. Oder erfinde eine neue Gesellschaft, das war der Kommunismus.

Vieles habe in eine Sackgasse geführt. Das 21. Jahrhundert, so Fischer, sage: Erkenne die Vielfalt der Musik und finde darüber die Kommunikation. Sein Musiktheater vergleicht er auch mit Installationen in der Kunst.

Dieses Aufeinanderknallen der Stile findet für ihn im Kopf des Jungen statt. Im Stück gibt es chassidische Gesänge, jiddische Volkslieder, synagogale Klänge und auf der anderen Seite natürlich ungarische Folklore.

Er lebte als Diamantenschleifer in Amsterdam

“Die Musik ist eine Möglichkeit, in seinen Kopf hineinzukommen”, sagt Fischer. Bei ihm geht die Geschichte weiter. Denn nach dem Freispruch kam es eine Woche lang zu antisemitischen Ausschreitungen in Ungarn, der Junge wurde über Budapest nach Amsterdam geschickt, wo er später als Diamantenschleifer arbeitete und ins traditionelle Judentum zurückkehrte. Fischer hat sich im heutigen Amsterdam umgeschaut, aber es gibt keine Spuren mehr von jenem Moric Scharf.

In der letzten Szene des Stücks lässt Fischer Vater und Sohn gemeinsam nach Budapest fahren. Die Fahrt im Zug erinnert an spätere Deportationszüge.

“Entweder ist es eine Versöhnung oder…” An dieser Stelle bricht Fischer den Satz ab. Kunst, die oft etwas Autobiografisches in sich trägt, lebt vom Unausgesprochenen.