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Fischer Iván

mainpost.de Frank Kupke
Kissinger Sommer

Naturgemäß waren Augen und Ohren des Publikums zu Beginn des Arcadi-Volodos-Konzerts beim Kissinger Sommer nach vorne auf die Bühne hin gerichtet, wo der Pianist und das Budapest Festival Orchestra saßen. Völlig überraschend kamen dann aber die ersten Töne, ein Hornsolo, nicht von vorne, sondern von hinten – von der Empore herunter. Was für ein kreativer Umgang mit der feinen Akustik des Max-Littmann-Saals im Regentenbau! Der Anfang von Johannes Brahms‘ zweitem Klavierkonzert wurde dadurch zu einer hörbaren Horizonterweiterung im romantischen Sinn. Und zutiefst romantisch spielte Arcadi Volodos dann auch seinen Solopart.

Genussvoll goss der Russe sein Füllhorn an Virtuosität und Musikalität über die Zuhörer aus. Dass der Saal nicht ausverkauft war, lag wohl am Fußball-WM-Spiel Deutschland – Frankreich. Der Einzug der deutschen Nationalmannschaft ins Halbfinale hatte indes bereits wenige Minuten vor Konzertbeginn festgestanden. Volodos spielte Brahms nicht als überbordendes Bravourstück, obwohl die Komposition das in den schnelleren Sätzen durchaus hergibt. Der 42-Jährige präsentierte sich nicht als tobender Tastenlöwe, sondern als seriöser musikalischer Gestalter auch und gerade in der engen Kommunikation mit dem Orchester, das unter dem souveränen Iván Fischer überzeugte.

Ob in den delikaten Akkorden zu Beginn oder in den eleganten rhythmischen Raffinessen und den dramatischen Ballungen des Eröffnungssatzes: Stets fand der gebürtige St. Petersburger Volodos einen sehr persönlichen Interpretationsansatz. Allerdings servierte er einen Brahms, dem dann doch hin und wieder die Ecken und Kanten fehlten. Nur wenig wies bei Volodos auf die fortschrittlichen Aspekte von Brahms‘ Musik hin. Er blieb bei dem Russen ein Komponist, der die klassisch-romantische Tradition beendete, aber doch kein Mann der Zukunft war. Diesem gleichsam Eichendorff’schen Geist war auch die Zugabe verpflichtet: die berühmte Bach’sche Bearbeitung von Vivaldis Siciliano.

Ein frischer dritter Satz

Höhepunkt in der anschließenden vierten Sinfonie von Johannes Brahms war überraschenderweise der vorletzte Satz. Die Budapester spielten den Tanz-Satz nicht mit jenem zynischen Galgenhumor, mit dem er oft zu hören ist, sondern sympathisch geradeaus. Als Kontrast zu den mal elegischen, mal glutvoll-expressiven drei anderen Sätzen wirkte das sehr befreiend, zumal Dirigent Iván Fischer das Orchester hier mit jener Frische leitete, die sonst mitunter fehlte.

Denn in den Ecksätzen setzte Fischer oft auf allzu gewollt-künstliche Tempoverbreiterungen. Die Musik war im ersten Satz, insbesondere vor der Reprise, und im letzten beim Flötensolo einfach deutlich zu langsam. Das Ganze wurde hier zu einer ziemlich zähen Angelegenheit. Bei den Zugaben – drei mit viel authentisch Budapester Sentiment gespielten „Ungarischen Tänzen“ von Brahms – war das zum Glück nicht der Fall.