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Ivan FischerPhoto: Marco Borggreve

Basel

Von Jürgen Scharf Basel. Wenige Tage nach den Wiener Philharmonikern kam das Budapest Festival Orchestra nach Basel, auch ein Spitzenorchester, das von dem hervorragenden Dirigenten Iván Fischer geleitet wird. Der Große Musiksaal im Stadtcasino war bei diesem AMG-Konzert in der Reihe „World Orchestras“ zwar nicht ganz so vollbesetzt wie bei Chailly und den Wienern, aber es gab Spannendes zu hören: Prokofjews drittes Klavierkonzert, das wegen seiner Mischung aus stählerner Motorik, kühnen Lyrismen und folkloristischen Anklängen bei den Klassikfans geradezu populär ist. Alexander Toradze, der georgische Pianist, spielte es, und es gab kein Niveaugefälle zwischen Solist und Orchester.

Dabei war der äußere Eindruck, als Toradze auf die Bühne kam, ein anderer. Der 61-Jährige schien physisch etwas angestrengt, hielt die Zuhörer mit technischen Wechselbädern zwischen Heiß und Kalt beim ständigen Verschieben des Klavierhockers und der Suche nach der Brille (?) unterm Flügel in Atem. Doch wenn dieser Pianist die Hände auf die Tasten wirft, merkt man den materialvertrauten, geborenen Prokofjew-Spieler, der höchst präzise, sprung- und laufsicher agiert, motorisch zupackend in die Tasten langt und auf gutem Fuß mit Prokofjew steht.

Dieser Vollblutmusiker kann Reserven mobilisieren, gerade im irrwitzigen Schlusssatz mit seiner tollkühnen Virtuosität. Da wird einem nicht nur vom Hören, sondern allein schon vom Zusehen taumelig, wie Toradzes Finger bei rasendem Tempo die Tasten niederdrücken, Akkordfolgen ins Klavier hämmern und rasante Läufe hinlegen. Die letzten paar Takte sind schiere perkussive Tobsucht, schon an der Grenze des musikalisch Machbaren.

Da ist einer also, allem täuschenden optischen Eindruck zum Trotz, spieltechnisch in Topform. Auf gleicher Wellenlänge halten die Budapester mit, vom Dirigenten zu fulminanter Orchesterdiktion, Präzision und Detailgenauigkeit im Rhythmischen angetrieben. Die Tutti-Attacken haben Durchschlagskraft und orchestralen Furor. So sorgt dieses Prokofjew-Konzert für eine Dauerhöchstspannung im Saal.

Das exzellent präparierte ungarische Elite-Orchester kann schon mit Borodins „Polowetzer Tänzen“ Power und Orchesterbrillanz ausstellen und in Tschaikowskys „Pathétique“, der sechsten Sinfonie, seine exquisiten Klangqualitäten präsentieren. Überraschenderweise nimmt Iván Fischer den Geschwindmarsch nicht zu geschwind (da halten andere Dirigenten eher Geschwindigkeitsrekorde), aber er legt diesen Satz dramaturgisch imponierend an. Im Finale, dem Adagio lamentoso, dieser stimmungsgetriebenen Musik, trägt der Dirigent nicht dick oder sentimental auf, wie er überhaupt bei dem ganzen russischen Programm an diesem Abend weniger russische Seele, sondern mehr ungarisches Feuer einbringt – spürbar bemüht um Objektivierung.

Fischer dirigiert diese Spätsinfonie straff und schnittig, mit ausgeprägtem rhythmischem Nerv: genau der richtige Mann für diese Musik. Sein Orchester folgt ihm diszipliniert und akkurat, schlank und konzentriert in Ausdruck und Klang. So hat man ein exemplarisch eindringliches Musikerlebnis. Für den Beifall bedanken sich die Budapester Gäste mit einem schönen Walzer von Toru Takemitsu, bei dem man nicht glauben würde, dass er von einem Japaner stammt.

 

Die Oberbadische, verlagshaus-jaumann.de