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YefimBronfman_ASO_byFrankStewart

Das Budapest Festival Orchestra gilt als eines der zehn besten Orchester der Welt. So fragwürdig Rankings auch sind, das ungarische Orchester bewies seine Weltklasse im Konzert im Großen Festspielhaus am Sonntag (2.8.) mit Werken von Bartók und Mahler.

Iván Fischer, dem Mitbegründer und Leiter des Budapester Elite-Ensembles, ist wohl die absolute Präzision seiner Schützlinge zu verdanken. Es kann tatsächlich von einem Ensemble gesprochen werden, denn die Damen und Herren verfügen hörbar alle über solistische Fähigkeiten und erzeugen gemeinsam eine luzide Transparenz des Klangs, die ihresgleichen sucht. Der große emotionale Farbenrausch ist nicht so sehr ihre Sache, dafür entschädigt nuancenreichste, oft pointillistische Feinzeichnung, die ihre Gespinste gleichwohl in einem großen Bogen webt. Selbst in orchestralen Ausbrüchen bleibt alles noch durchhörbar, selbst im sonoren Streichersound liegt noch akzentuierte Würze. Fabelhaft rein und schön intonieren die Holzbläser, gestochen scharf klingt das Blech, wenn es nicht im Falle des Solohorns pastose Wärme verströmt.

Am Beginn erklangen die selten zu hörenden „Ungarischen Skizzen“ Béla Bartóks, atmosphärische Bauerntänze von eher dosiertem Temperament, aufs Feinste instrumentierte, konzise Stimmungsbilder, ebenso fein nachgezeichnet von Iván Fischer und den Seinen. Dann betrat Yefim Bronfman das Podium und spielte Bartóks Drittes Klavierkonzert mit pulsierender Energie und jener klassizistischen Vitalität, die das unglaublicherweise im Schatten des Todes geschriebene Werk in den Ecksätzen verströmt. Ja, sogar die lastende Melancholie des Adagio religioso hellt sich im Mittelteil geradezu fröhlich auf. Bronfman arbeitete die Kontraste markant heraus, ließ dem Stück aber seine Spielfreude. Besser als Iván Fischer und sein Orchester kann man dieses Meisterwerk einer fast schon jenseitigen Reife nicht begleiten. Besser gesagt mitgestalten, mitatmen, in schönster Einigkeit mit dem Solisten. Bronfman bedankte sich für den Jubel des Publikums mit dem so virtuos wie ehern aus dem Steinway gemeißelten 3. Satz aus der 7. Klaviersonate von Prokofjew.

Nach der Pause trieb Iván Fischer der 4. Symphonie von Gustav Mahler jegliche Lieblichkeit aus, ohne deswegen in bloß analytische Kühle zu verfallen. Die ländlerseligen Klanginseln voll traumverlorener Schönheit berührten in ihrem Streicherglanz, die jäh einbrechende, grelle Banalität harter Blechbläserakkorde und brutaler Schlagzeugattacken verstörte, und so soll es auch sein.

Schon der erste Satz wurde zu einem Pandämonium der Natur. Im zweiten holte Fischer den grandiosen Solohornisten nach vor, wo er besser mit der famosen Konzertmeisterin kommunizieren konnte. Letztere muss ja zwischen verschieden gestimmten Geigen wechseln und jagte einem mit der „falschen“ die Gänsehaut über den Rücken. Und das ganze Orchester erzeugte eine aufregende wahrhaft große Kammermusik kunstvoll flackernder Töne. Im Adagio kam dann die Herrlichkeit in sich ruhender Kantilenen in sensibel ausgehorchter Klarheit und Innigkeit daher. Jede Streichergruppe wirkte wie ein einziges, singendes, kaum vibrierendes Instrument, sich verbindend zu einem chorischen Quartett, später sekundiert von den traumhaft mitsingenden Holzbläsern.

Und dann kam ein Engel geschritten, in Gestalt der schwedischen Edel-Sopranistin Miah Persson, und erzählte von der Ambivalenz der „himmlischen Freuden“ mit ihren durchaus bedrohlichen Schellenklängen. Nach dem mystischen Verklingen des Wiegenlieds ist kein Platz für enthusiastischen Jubel, sondern für herzlichen Applaus. Und damit hätte man es gut sein lassen sollen. Doch der Engel stimmte Mozarts „Laudate Dominum“ an, und ein Großteil des Orchesters verwandelte sich in einen eher irdischen Chor. Aber es gab doch noch Standing ovations.

Gottfried Franz Kasparek, DrehPunktKultur