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BONN. Iván Fischer und das Budapest Festival Orchestra mit zwei Auftritten beim Beethovenfest. Von Bernhard Hartmann und Ulrich Bumann.

Die ersten paar Streicherakkorde des kurzen Vorspiels zu Hugo Wolfs Orchesterlied nach Goethes “Anakreons Grab” sind dazu angetan, die Stimmung des Hörers ins Melancholische zu trüben. Da passte auch der lange schwarze Gehrock des hochgewachsenen, sehr schlanken Baritons Roman Trekel perfekt, der wirkte, als wolle der Sänger ein wenig den Anschein erwecken, ein Wiedergänger aus dem literarischen Figurenkabinett der fantastischen Romanwelten des 19. Jahrhunderts zu sein. Insgesamt waren an dem ersten Abend des dreitägigen Gastspiels des Budapest Festival Orchestra unter der Leitung von Iván Fischer beim Beethovenfest sechs der packenden Orchesterlieder Wolfs zu hören, deren Stimmungen Trekel mit seinem schönen Bariton bezwingend traf, vor allem dann wenn die Lieder Trauerflor tragen, wie am Ende von Mörikes “Denk’ es, o Seele”.

Schon in diesen Liedern war der besondere Klang des Orchesters aufgefallen, die fein nuancierten Zeichnungen in den einzelnen Gruppen. In Gustav Mahlers siebter Sinfonie sollte das freilich noch eine erhebliche Steigerung erfahren. Dass auch hier die Streicher zu Beginn wieder für die Grundstimmung verantwortlich sind, zeigt, wie sorgfältig Iván Fischer, der das Orchester Anfang der achtziger Jahre zusammen mit dem Pianisten und Dirigenten Zoltán Kocsis gründete, seine Programme zusammenstellt.

Man kann an dem Orchester und an Fischers Dirigat bewundern, wie hier Stimmung und musikalische Transparenz eine wunderbare Verbindung eingehen. Auch die Effekte, wie die in fünffachem Forte gerissenen Pizzicati der Celli und an der an der Rückwand platzierten Kontrabässe, machten große Wirkung. Der auf einem hohen Hocker halb sitzend dirigierende Fischer überzeichnet dabei nie, sondern bleibt immer ganz nah an der Partitur. Besonders fein wurden die musikalischen Fäden im Andante amoroso des zweiten Nachtstücks gesponnen, das mit Mandoline und Gitarre in ganz andere Klangsphären überführte, bevor die Musiker das Werk lautstark, gleichsam in verzweifeltem Optimismus zu Ende führten. Für dieses Jubelfinale hat Mahler viel Kritik einstecken müssen. Manche Zeitgenossen hörten darin eine Verhöhnung von Wagners “Festwiese” aus den Meistersingern. In Bonn war der Jubel in der leider nur mäßig gut besuchten Beethovenhalle ungebrochen begeistert.

Von Ernst von Dohnányi, dem ungarischen Komponisten und Pianisten, soll das hübsche Bonmot kommen: “Wo die Gefahr am größten, ist das Pedal am nächsten.” Bei seinen 1914 komponierten Variationen über ein Kinderlied für Klavier und Orchester gibt es zweifellos ausreichend Gefahrenstellen, aber übermäßigen Pedalgebrauch hatte der Pianist Dénes Várjon bei seinem Auftritt in der Beethovenhalle nicht nötig. Er spielte das höchst amüsante Werk mit größter Eleganz und klugem Sinn für klangliche Feinheiten.

“All’ ungarese” hatte das Beethovenfest diesen zweiten Abend mit dem Budapest Festival Orchestra und seinem Dirigenten Iván Fischer betitelt. Der Spätromantiker Dohnányi freilich lässt seinen Blick weit über die ungarischen Landesgrenzen schweifen, man meint, Wagner, Mahler, Brahms, Tschaikowsky oder auch Debussy zu hören, das unschuldige Kinderlied (“Morgen kommt der Weihnachtsmann”) wird unter anderem zu Walzer, Choral und Fuge verarbeitet. Solist und Orchester auf jeden Fall kitzelten mit Hingabe allen Witz aus der Komposition heraus. Dass Alfred Hitchcock die Variationen zu seinen Lieblingsstücken zählte, kann nicht überraschen: Manchmal klingen sie wie vorweggenommene Hollywood-Musik, immer spannend und hintergründig humorvoll.

Der Abend hatte richtig “ungarisch” begonnen, mit Franz Liszts Ungarischer Rhapsodie Nr. 1 (der 14. für Klavier) in einer sehr aparten Version für Cymbalom und Orchester. Die Bearbeitung gibt dem Solo-Instrument ordentlich Raum, und Oszkar Ökrös ließ die Klöppel geradezu wahnwitzig rasant übers Hackbrett fliegen. Das Programm verriet, dass man ihn den “Zymbalzauberer” nennt – jetzt versteht man, warum. Iván Fischer organisierte das musikalische Geschehen bei Liszt energisch, straff und rhythmusbetont. Sein Orchester fasziniert auch in großer Besetzung mit einem schlanken, hellen Klang, der auch der abschließenden 4. Sinfonie von Johannes Brahms ein unverwechselbares Profil gab: bei aller Dramatik immer gesanglich. Die Zugabe fiel sehr speziell aus: das “Abendständchen” von Brahms, nicht gespielt, sondern tatsächlich gesungen. Die Budapester Instrumentalisten als versierte Choristen – ein großes Vergnügen.