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Schubert und Bartók

Es gibt zwei Dirigenten mit dem Namen Fischer in Ungarn, Ádam heißt der vielleicht bekanntere von ihnen, weit verblüffender aber ist sein jüngerer Bruder Iván. Von dem scheinen sich nämlich zwei Exemplare in der Musikwelt herumzutreiben. Einer dirigiert in London, New York und in Paris und wird 2012 die Leitung des Berliner Konzerthaus-Orchesters übernehmen – das ist der polyglotte Iván. Der andere Iván ist bodenständig und in Budapest zu Hause. Hier gibt er sonntags Kakao-Konzerte für Kinder und pflegt mit Hingabe sein 1983 gegründetes Budapest Festival Orchestra, dessen Ruhm er mittlerweile so gemehrt hat, dass ihm eigentlich der polyglotte Iván vorstehen müsste.

Generalschlüssel für Schuberts Neunte

Die Muttersprache seines Orchesters, so der bodenständige Iván, sei die Musik der Habsburger Monarchie und wie facettenreich die klingt, das zeigte er jetzt im Großen Saal der Alten Oper mit einem fulminanten Programm aus Bartók und Schubert.

„Ich dirigiere nur Werke, zu denen ich auch den Schlüssel habe. Die anderen überlasse ich gerne den Kollegen“: Noch so ein Fischer-Bonmot. Und für die 9. Sinfonie Schuberts hat er offenbar einen Generalschlüssel. In Galaform präsentiert sich hier das sehr junge Orchester aus Budapest, vor allem die Bläser setzen die Akzente, liefern feinste Nuancen und einen Dialog aus Oboen- und Klarinettenparlando, der immer wieder von den Streichern aufgegriffen wird: wunderbar rund, klangsinnlich, transparent.

Technik und Timing

Für Béla Bartók besitzt nicht nur Fischer das rechte Zauberwort, auch der Pianist András Schiff hat einen exklusiven Zugang zum Werk seines Landsmannes. Um Bartók richtig spielen zu können, so hat Schiff einmal gesagt, müsse man die ungarische Sprache beherrschen. Für sein zweites Klavierkonzert allerdings reicht nicht nur der lokale Dialekt, hier sind weit mehr stupende Technik und ein gutes Timing gefragt. Beides Talente, über die Schiff zweifellos verfügt.

Unkonventionelle Anordnung

Wenn die Hände des Virtuosen über die Tasten rasen, dann sind nicht nur die Zuschauer im Saal verblüfft, sondern auch so mancher im Orchester. Schiff demonstriert sein Können in einer geradezu diabolischen Zugabe aus Bartóks Klaviersonate. Furios gibt er sich in den schnellen Passagen, er kann aber auch sacht und lyrisch klingen, wenn das fein austarierte Orchester ihm ein gerade noch hörbares Wispern als Folie  liefert.

Fischer favorisierte eine unkonventionelle Anordnung: Eine doppelte Riege aus Bläsern umstellt den Pianisten, dahinter erst die Geigen, die vor allem in den Bauernliedern zum Auftakt mit kräftigem Spiel gefallen – hier dürfen denn auch acht von ihnen ganz vorne an der Rampe stehen.

(NN), Frankfurter Rundschau