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Stravinsky, Igor - Le Sacre du printemps

Label/Verlag: Channel Classics

VÖ: 02/2012

Streng, drastisch und glanzvoll: Iván Fischer und das Budapest Festival Orchestra spielen Igor Strawinskys ‘Le Sacre du Printemps’ und die ‘Feuervorgel’-Suite Nr. 2.

‚Das Rezept erscheint einfach: man nehme eine einfache Melodie aus sechs Noten und wiederhole sie in gleicher Reihenfolge, wobei man jeweils eine andere Note betont. [...] Nächster Schritt: man füge ein rhythmisches Muster hinzu und wiederhole es viele Male. Nun stelle man einige von diesen her und kombiniere sie rigoros, bis eine polyrhythmische und polytonale Mixtur entsteht. Fertig! Mit diesem einfachen Rezept hat Strawinsky die Welt verändert. Viele Pflanzen sind dieser Saat entsprossen: Beat, Rock, Rap, Minimal music…‘ So Iván Fischer im Booklet seiner neuen Einspielung mit dem Budapest Festival Orchestra. Igor Strawinskys ‘Le Sacre du Printemps’ gleichsam als Urpflanze der populären Musik? Warum nicht, handelt es sich beim ‘Sacre’ doch wahrscheinlich um das bekannteste Werk der sogenannten Klassischen Moderne. Dessen archaische Wucht, die in ihrer schockierenden Drastik den gesamten Körper erfasst, wird auf dieser SACD-Einspielung wieder einmal zur Entfaltung gebracht, und zwar in einer den Schock der Moderne spürbar machenden Art und Weise.

Erziehung zur Gewalt

Iván Fischers oft und zu Recht beschworene Funktion als Orchestererzieher scheint auf dieser Aufnahme erneut durch. Mögen Fischer und das von ihm vor Jahrzehnten begründete Budapest Festival Orchestra ein längst fest eingespieltes Team sein – die Klarheit in Phrasierung und Klangfarbe verblüfft in ihrer Beispiellosigkeit stets wieder. Den wie anarchisch schnatternden Holzbläsern der ‘Introduction’ hat man derart deutlich aufgefächert selten gehört. Schon das Eingangssolo des Fagotts wirkt in seiner Plastizität wie ein erster Weckruf für den Frühling. Wenn die Klarinette dann scheinbar ohne jede Rücksicht auf Klangschönheit in hoher Lage hervorsticht, ist dies das erste deutliche Zeichen, dass Fischers Interpretation auf Glättungen von Dissonanzen, Dämpfungen krasser Effekte und die Zügelung des Perkussiven komplett verzichtet. So gelingt eine Darstellung des ‘Sacre’ ohne jegliche Patina, die die Masse anderer Einspielungen zumindest im Moment der Rezeption in den Hintergrund treten lässt. Gegen die Differenziertheit wie Konsequenz, mit der die verschiedenen, auf die Instrumentengruppen verteilten Muster ausgeführt werden, erscheint sogar die Solti-Aufnahme mit dem Chicago Symphony Orchestra von 1972 harmlos. Darin besteht wohl die große Qualität von Fischers Interpretation: Dass das zur höchsten Verfeinerung der Klangkultur fähige Budapest Festival Orchestra ohne Kompromisse seine Fähigkeiten nutzt, um den Bruch mit dem Kulturellen beziehungsweise den Ein-Bruch des Archaischen in Form des Ritus zu inszenieren (der wiederum freilich selbst hoch artifiziell ist).

‘Feuervogel’, ‘Scherzo à la Russe’ und ‘Tango No. 72′

Die Kombination des ‘Sacre’ mit der zweiten Suite aus ‘Der Feuervogel’ ist zwar nicht originell, gibt den Holzbläsern im ‘Rundtanz der Prinzessinnen’ aber Gelegenheit, ihre Konturenklarheit in den Dienst der Melodie zu stellen. Zudem demonstriert Iván Fischer in der ‘Berceuse’ und dem anschließenden ‘Finale’ seinen Sinn für dramaturgisch geschickt gewählte Tempi. Strawinskys in den 40er Jahren entstandene Stücke ‘Scherzo à la Russe’ und ‘Tango No. 72′ bilden auf dieser vom Klangbild her glänzenden SACD schließlich jeweils eine grotesk-humoristische und eine tänzerische Dreingabe.

Interpretation: *****

Klangqualität: *****

Repertoirewert: **

Booklet: **

Kritik von Aron Sayed

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