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Nord-Süd

Eine bessere Feier für ihren 111. Geburtstag hätten sich die Albert-Konzerte, Freiburgs traditionsreichste Konzertreihe, kaum wünschen können. Mit dem Budapest Festival Orchestra unter Iván Fischer und dem Geiger Renaud Capucon war an diesem Abend eine beeindruckende Kombination im Konzerthaus Freiburg zu Gast. Barg das Programm für sich genommen zunächst wenig Überraschendes, so stellte sich bald heraus, dass ein guter Koch auch aus bekannten Zutaten Besonderes zu machen vermag.

Die ‘Tragische Ouvertüre’ in d-Moll von Johannes Brahms erklang frei von jeglicher Patina, lebendig in der Agogik, streng im Ausdruck und spannungsvoll in der formalen Dramaturgie, mit einer Klarheit der Klangfarben, wie man sie selten vernimmt. Es wurde schon zu Beginn deutlich, zu welcher kontrollierten Gestaltung das Budapest Festival Orchestra unter seinem Gründer und musikalischen Direktor in der Lage ist. Dass man die sogenannte deutsche Orchesteraufstellung gewählt hatte und die Violinen mit leichtem Bogen spielten, trug zur Plasitizität und zugleich kraftvollen Schlankheit des Klangs sicher nicht unwesentlich bei.

Gehör zu verschaffen wusste sich anschließend ebenfalls Renaud Capucon auf seiner Guarneri del Gesù von 1737. Édouard Lalos mit Abstand populärstes Werk, das zweite Violinkonzert in d-Moll ‘Symphonie espagnole’, bildete mit seinem spanischen Kolorit und der aufgelockerten Struktur einen starken Kontrast zur nördlich nebelverhangenen Dichte der Brahms-Ouvertüre. Einen Kontrast, den Capucon und Fischer umso mehr hervorhoben, als Capucon dem schier endlosen Passagenwerk mit blitzblank geschliffenem Ton und feuriger Expressivität Geltung verschaffte, Fischer dagegen mit tänzerischer Leichtigkeit und feinem Rubato begleiten ließ. Vor allem aber der von beiden ansteckend wie behutsam in Szene gesetzte musikantische Ansatz war es, der den bei Lalo fehlenden Tiefgang vergessen machte und der Melodie im Dienste des Virtuosen zu seinem Recht verhalf. Mag die ‘Symphonie espagnole’ ein im Grunde viel zu oft gespieltes Werk sein – wenn es so packend dargeboten wird, hört man es gerne noch einmal und noch einmal.

Eine erstklassige Orchesterleistung stellte nach der Pause die Darbietung von Nikolaj Rimskij-Korsakows sinfonischer Suite ‘Scheherazade’ dar. Zwar bilden die Orientmärchenfantasien aus russischer Feder die musikalische Synthese aus den beiden Kulturräumen Norden und Süden, wie sie in der ersten Konzerthälfte entfaltet wurden. Doch überzeugte hier mehr das Spiel der einzelnen Instrumentengruppen als das Werk selbst. So verstrahlte die den dritten Satz eröffnende Cellokantilene eine unwahrscheinlich anmutende Wärme, die rasanten Blechbläserrepetitionen im Finale ließen den Atem stocken, und die improvisatorisch wirkenden Flötenläufe im zweiten Satz waren von betörender Duftigkeit. Überhaupt schien die atmosphärische Intensität dank der Klarheit der Klangfarben vom Fagott bis zu den Posaunen, den Kontrabässen bis zur Harfe in jedem Takt ungebrochen. Das alles konnte jedoch selten über den Potpourri-Charakter der Suite hinwegtäuschen, deren eingängige Melodik dem Ohr schmeichelt. Spätestens bei der gefühlten dreißigsten Wiederholung der – für sich genommen wunderschönen – Eingangsfigur in Solo-Violine und Harfe aber wandte sich der an Brahms geschulte Zuhörer dann innerlich doch leicht unwillig ab, von den unzähligen Beckenschlägen im Finale ganz zu schweigen. Die unüberhörbare individuelle Klasse des Budapest Festival Orchestra unter Iván Fischer freilich machte auch ‘Scheherazade’ noch zu einem Erlebnis. Spätestens bei der Zugabe, dem ‘Pas de deux’ aus Tschaikowskys ‘Nussknacker’, brachen alle Dämme; das Publikum feierte die Musiker frenetisch. Bereits Capucons kantabel weitschweifende Zugabe am Ende der ersten Konzerthälfte hatte Begeisterung ausgelöst.

Kritik von Aron Sayed