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A zenekar

ESSEN. Der zartgliedrige Ungar Iván Fischer wirkt äußerlich wie das Gegenteil eines ungestümen Kraftmenschen. Aber man sollte den 62-Jährigen nicht unterschätzen, wenn er am Dirigentenpult steht

In der Philharmonie Essen stemmte er sich mit beiden Schultern ins Brodeln seines Budapest Festival Orchestra, um die Intensität des dreifachen Forte zu befeuern. Das hört sich bei den phantastischen Blechbläsern dieses Spitzenklangkörpers auch in den Choralfetzen der leidenschaftlich apokalyptischen Ekstasen im ersten Satz von Gustav Mahlers neunter Sinfonie nie lärmend, aber dafür umso ergreifender an. Keine Frage, der von Fischer und dem Pianisten Zoltán Kocsis vor 30 Jahren mit Spitzenmusikern gegründete Klangkörper wird von der britischen Fachzeitschrift „Gramophone Magazine“ völlig zu Recht zu den Top Ten der weltbesten Orchester gezählt. Und sein Chefdirigent Iván Fischer, hervorgegangen aus der legendären Wiener Swarowsky-Dirigentenschmiede, aber wohl noch stärker beeinflusst durch die Ausdruckskunst des Österreichers Nikolaus Harnoncourt, ist in seiner Idealmischung aus Partiturtreue, ausgeprägtem Gespür für zärtliche Momente und akkurat beherrschtem dramatischem Überschwang zweifellos einer der gewieftesten Dirigenten. Wenn sich Musiker dieses Ranges Mahlers großem Abgesang widmen, winkt eine Sternstunde. Und die erlebte ein aufgewühltes, erhoben mit Ovationen reagierendes Publikum in der Essener Philharmonie auf Weltklasse-Niveau. Bei Fischer versteht man, warum Alban Berg das Andante „das Allerherrlichste“ nannte, „was Mahler geschrieben hat“. In seiner inneren Unruhe, mit atemlosen Herzrasen, in seiner lyrischen Emphase und mit seinen abrupten ekstatischen Ausbrüchen weist es weit voraus auf die Sinfonik der Zweiten Wiener Schule, speziell jene des Schönberg-Schülers Alban Berg. Grandios sind hier himmelstürmende Sinfonik und das orchestral anverwandelte Lied als Ausdrucksträger zu der für Mahler idealtypischen Symbiose verknüpft. Hinreißend, wie Fischer täppischen Ländler, eleganten Walzer und romantisch gefärbte Ländler-Fragmente im Scherzo übereinander schichtet und gegeneinander wirbeln lässt. Und mit welcher Turbulenz er zersplitterte Ohrwurm-Floskeln der Trivialmusik in den drei streng polyphon geführten Fugati der Rondo-Burleske trudeln lässt. Im Adagio aber entdeckt Fischer ein sehnsüchtiges Verlangen nach überirdischer, ätherischer Schönheit. Wie sich das Orchester im elegisch ersterbenden Finale noch ein letztes Mal aufbäumt, bevor sich das verhauchende Pianissimo in Todeserstarrung ins schiere Nichts auflöst – das ist ein Morendo-Ausklang von solch betörendem Zauber, wie man ihn noch nie vernommen hat.

 

dattelner-morgenpost.de, by Von Bernd Aulich