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Die Berliner Philharmoniker unter Iván Fischer

Am Anfang ist es ganz still. Olaf Maninger, Solo-Cellist der Beliner Philharmoniker, spielt Epitaph, ein Stück für Solo-Violoncello, das Hans Werner Henze einst für seinenverstorbenen Freund und Kollegen Paul Dessau schrieb. Diesmal erklingt es zu Ehren des Komponisten selbst, der vor wenigen Tagen starb. Es ist ein stiller Abschied, den Maninger wie von fern durch die Philharmonie singen lässt und der sie doch mehr erfüllt, als es so mancher Orchestersturm vermag. Ein bewegender Abschied von einem Künstler, der dem Orchester so eng verbunden war wie kaum ein zweiter Komponist. Als Iván Fischer, Gründer und Leiter des Budapester Festivalorchesters und seit dieser Spielzeit Chef des Konzerthausorchesters und seit vielen Jahren gern gesehener Gast bei den Philharmonikern, dann den Taktstock hebt, ist es vorbei mit der Stille. Was mit inniger Trauer beginnt, erweist sich als ein Abend von solcher Klangfülle, freudigen Musizierens und musikalischer Energie, wie ihn auch dieses Orchester nicht jeden Tag erlebt.

Den Anfang macht Jeu de Cartes, eines der weniger bekannten Ballette Igor Strawinskys und auch eines seiner musikalisch konservativeren. Seine drei Sätze – oder Spielrunden, um beim Thema des Kartenspiels zu bleiben – sind vordergründig tänzerischer als die meisten seiner bekannteren Werke. Vor allem Walzerklänge bestimmen das Stück und täuschen doch nicht darüber hinweg, das unter der vermeintlich glatten Oberfläche einiges vorgeht. Fischer kitzelt jeden Ton, jedes noch so vage angedeutete Seitenmotiv, jede musikalische Anspielung aus seinen Musikern heraus, legt sie gleichberechtigt nebeneinander und erschafft dadurch ein ebenso schillerndes wie kraftvolles Mosaik, das in unzähligen Farben leuchtet und zugleich eine unbändige Energie entwickelt, die nicht anders kann als mitzureißen. Sein Orchester dankt es mit faszinierend präzisem Spiel, bei dem jede noch so kleine Nuance sitzt, ohne dass es auch nur eine Sekunde mechanisch wirkt. Fischer ist ein ebenso kontrollierter wie emotionaler Dirigent – und passt mit dieser nur auf den ersten Blick widersprüchlichen Mischung perfekt zu diesem Orchester.

Das zeigt sich auch in Prokofjews erstem Violinkonzert, bei dem die Philharmoniker von der georgischen Geigerin Lisa Batiashvili unterstützt wird. Ihr Spiel ist von einer strahlenden Eleganz, die nichts mit Kraftlosigkeit zu tun hat. Batiashvili fehlt die Schärfe, die man von bekannten Interpretationen des Werks, allen voran jene David Oistrakhs kennt, stattdessen bringt sie das hochkomplexe Werk zum Schweben, gerade weil sie es auch immer wieder erdet. Die zahlreichen Stimmungsumschwünge, die Tempiwechsel, der Widerstreit zwischen Lyrischem und brutal Auftrumpfenden, gelingt ihr scheinbar mühelos, auch weil sie dem Stück jegliche Schwere nimmt. Die Philharmoniker folgen ihr dabei, ohne dabei illustrierend zu werden. Die Komplexität des Konzerts kommt ihrem flexiblen Spiel entgegen, das sich vor allem im Schlusssatz in kaum geahnte lyrische Höhen erhebt. Iván Fischer legt wie schon bei Strawinsky die Struktur des Werkes frei, ohne es zu sezieren. Stattdessen entspinnt sich ein Dialog zwischen Orchester und Solistin, der jede Sekunde fesselt.

Flächiger und kompakter interpretiert Fischer dann Antonín Dvořáks Achte. Wo er zuvor aus autonom agierenden Einzelteilen ein Ganzes zusammenfügte, beginnt er hier beim großen Ganzen und fächert Dvoraks unter einer vermeintlich einfachen Oberfläche verborgenen Klang- und Ideenreichtum auf. Auch hier interessiert ihn das Rhythmische und Tänzerische, ohne dass es ins Folkloristische abdriftet. Erneut auch laden Dirigent und Orchester das Werk mit einer solchen Energie auf, das unter der strukturellen Einfachheit das musikalische Genie des Komponisten sichtbar wird, der gerade in seiner Achten äußerst experimentell zu Werke ging. Unter den Händen Fischers und der Philharmoniker wird daraus eine spannende musikalische Entdeckungsreise, bei der man sich mal bei Beethoven (vor allem im zweiten Satz), mal in der Hochromantik und zwischendurch immer wieder in den böhmischen Wäldern wähnt. In der kommenden Woche steht Fischer bei “seinem” Konzerthausorchester am Pult und dirigiert Beethoven. Es besteht Grund zur Vorfreude

Von Sascha Krieger