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In Budapest begann seine internationale Karriere: Iván Fischer arbeitete mit Orchestern in aller Welt. Als neuer Chefdirigent am Konzerthaus Berlin will er das Publikum aus Ost und West weiter zusammenführen.

DW: Herr Fischer, ab Beginn der neuen Saison im August sind Sie Musikdirektor und Chefdirigent am Konzerthaus Berlin. Sie waren immer ein Grenzgänger zwischen Ost und West – weckt der Ort in Ihnen Erinnerungen an die geteilte Stadt?

Iván Fischer: Ursprünglich komme ich aus Ungarn, habe aber schon vor der Wende in verschiedenen westeuropäischen Ländern gelebt. Ich bin also immer zwischen beiden Welten gependelt. Deshalb interessiert es mich sehr, welche Spuren die Vergangenheit hinterlassen hat. Das Konzerthaus im Osten und die Philharmonie im Westen Berlins sind für mich wie Überreste der geteilten Stadt, man nimmt dort noch gewisse Schwingungen von damals wahr. Im Konzerthaus am Gendarmenmarkt spürt man eine große Wärme und eine tiefe Treue des Publikums zu diesem Ort. Ein ähnliches Gefühl habe ich oft in Konzertsälen in Moskau, Sankt Petersburg und in anderen Städten Osteuropas. Ich möchte nun erreichen, dass das Konzerthaus ein Magnet wird, nicht nur für Menschen im alten Ostberlin, sondern in der ganzen Stadt.

Konnte die Musik den Menschen in schweren Zeiten Trost spenden?

Das Leben in der DDR war sicherlich nicht einfach, hatte aber auch seine schönen Seiten – und die allerschönste war die Kultur. Im Konzertsaal fühlten sich die Leute glücklich. Das Konzerthaus und der Gendarmenmarkt haben auch wegen ihrer besonderen Ästhetik eine magnetische Wirkung, die die Musik beeinflusst. Das hat sich auch mehr als 20 Jahre nach der Wende nicht geändert. Das Konzerthausorchester spielt mit einer seltenen Hingabe und fühlt sich als Gemeinschaft. Die Mentalität eines Orchesters prägt seinen Klang, das spürt auch das Publikum genau. Zu den Musikern habe ich als Dirigent rasch einen unmittelbaren Zugang gefunden.

Dirigenten sind heute nicht mehr so unnahbare Autoritäten wie einst Furtwängler oder Toscanini.

Viele halten die Dirigenten der Vorkriegsgeneration für Tyrannen. Ich sehe sie dagegen in erster Linie als große Musiker, die hoch respektiert waren. Das Verhältnis zwischen Dirigenten und Orchestern ist heute meiner Ansicht nach komplizierter als damals. Orchester sind inzwischen selbständiger und häufiger mit unterschiedlichen Dirigenten auf Reisen. Deshalb kann man sie nicht mehr so eindeutig voneinander unterscheiden. Bei Aufnahmen mit Toscanini oder Furtwängler höre ich sofort, wer dirigiert. Bei Kollegen aus späteren Generationen kann ich das nicht immer auf Anhieb sagen. Die Symbiose zwischen Dirigent und Orchester besteht oft nicht mehr. Das möchte ich in meinem Fall vermeiden. Das von mir gegründete Budapest Festival Orchestra dirigiere ich schon seit 30 Jahren, und auch mit dem Konzerthausorchester möchte ich eine tiefe Beziehung aufbauen.

Als junger Student sind Sie von Budapest nach Wien gegangen. Welche Erfahrungen haben Sie besonders geprägt?

In Budapest konnte man Instrumentalspiel und Chorsingen bereits auf hohem Niveau erlernen. In Wien hat sich für mich aber noch eine ganz andere Welt geöffnet. Man muss nur an Gustav Mahler und die anderen großen Komponisten denken, die dort gewirkt haben. In der Staatsoper habe ich noch Dirigenten wie Karl Böhm und Josef Krips erlebt, außerdem war ich bei allen Proben mit Leonard Bernstein dabei. Damals studierte ich vor allem Cello, besuchte aber auch den Dirigierunterricht bei Hans Swarowsky, zu der Zeit der wichtigste Professor an der Musikhochschule.

Bei Swarowsky studierte auch Ihr Kollege Claudio Abbado, der in den 80er Jahren Generalmusikdirektor in Wien wurde und von dort aus mit seinem Gustav Mahler Jugendorchester eine wichtige Brücke zwischen Ost und West schlug. Auch Sie haben dieses Orchester dirigiert.

Abbado hat ein Jugendorchester aufgebaut, in dem Musiker aus West- und Osteuropa, auch aus der DDR, zusammenspielen und auf Tournee gehen konnten. Das war eine wunderbare Idee. Abbado hat damit schon einige Jahre vor der Wende ein großes Loch in den Eisernen Vorhang gebohrt. Ich kenne viele Musiker aus dem Osten, die jetzt zwischen 40 und 50 Jahre alt sind und ihren ersten Kontakt zu westlichen Kollegen über das Gustav Mahler Jugendorchester bekamen. Die jungen Leute hatten immer viel Freude am Musizieren und auch Mut zum Risiko. Die enthusiastische Stimmung im Orchester ist auch nach der Wende geblieben.

Wie sehen Sie die derzeitige kulturelle Lage in Ungarn? Die Einflussnahme der Orbán-Regierung auf Kultur, Medien und Bildung ist in Europa scharf kritisiert worden. Inwieweit ist auch die klassische Musik davon betroffen?

Die Musik leidet vor allem unter der Finanzkrise, die die öffentlichen Subventionen gefährdet. Wir haben sehr gute Musikschulen und Orchester, die in ihrer Existenz bedroht sind. Die Politik nimmt auf den Musikbetrieb wenig Einfluss, wir haben eine Art Inselstellung. Anders sieht es bei Literatur, Theater und Medien aus – also bei allem, was mit Sprache zu tun. Da greift die Politik wesentlich stärker ein.

Inwieweit kann sich Kultur von staatlicher Finanzierung unabhängig machen?

In Europa sehe ich dafür keine realistischen Perspektiven. In den USA, wo ich unter anderem in Washington, New York und Cleveland mit Orchestern zusammengearbeitet habe, wird Kultur von jeher fast ausschließlich durch private Sponsoren finanziert. Diese amerikanische Tradition hier in Europa etablieren zu wollen, halte ich für Träumerei. Ein Mischmodell aus privater und öffentlicher Finanzierung wird sich bei uns ebenfalls kaum entwickeln können, weil alle akzeptieren, dass der Staat die Kultur finanzieren soll. Nur wenn der Staat damit aufhört, wird der kulturliebende europäische Sponsor sich verantwortlich fühlen, ihn im größeren Ausmaß zu ersetzen. Es gibt einige enthusiastische europäische Sponsoren und Mäzene, die wunderbare Hilfe leisten, aber die Erhaltung von Kulturinstitutionen darauf zu basieren, wäre absolut unrealistisch.

Im Bereich der Musikvermittlung sind die USA neben Großbritannien auch für uns richtungsweisend gewesen. In Budapest haben Sie bereits mit Kinderprogrammen begonnen, als diese Initiativen in Deutschland kaum verbreitet waren.

Mit dem Budapest Festival Orchestra bieten wir seit über 15 Jahren Konzerte für Kinder an, die sehr gut angenommen werden. Auch das Konzerthaus in Berlin setzt inzwischen solche Programme um. Die Kinder, die zu uns kommen, kehren später als Erwachsene immer wieder zurück. Insofern mache ich mir keine großen Sorgen darum, dass das Publikum für klassische Musik aussterben könnte.

In mehreren deutschen Bundesländern läuft das Programm ‘Jedem Kind ein Instrument’ (JeKi), das Grundschülern gemeinsames Musizieren und Singen ermöglicht. Gibt es in Ungarn bereits ähnliche Bestrebungen?

Wenn man die Kinder dazu bringt, ein Instrument zu lernen und im Chor zu singen, erreicht man wesentlich mehr als wenn man sie nur zu passiven Zuhörern erzieht. In Ungarn gab der Komponist und Musikpädagoge Zoltán Kodály bereits in den 1930er Jahren den Anstoß zu einer landesweiten Chorbewegung. Auch in kleineren Städten wurden Kinderchöre gegründet. Daraus hat sich ein Netzwerk an Musikschulen entwickelt, das noch heute besteht und unbedingt weiter erhalten werden sollte.

Iván Fischer wurde 1951 in Budapest geboren. Ab Mitte der 1970er Jahre, lange vor der Wende, startete er auch im Westen durch: Nach dem Erfolg beim Dirigentenwettbewerb der Rupert Foundation in London war er regelmäßig Gastdirigent beim BBC Symphony Orchestra und dem London Symphony Orchestra. Später riefen ihn auch weitere renommierte Orchester wie zum Beispiel die Berliner und Münchner Philharmoniker, die New Yorker Philharmoniker, das Orchestre de Paris oder das Israel Philharmonic Orchestra ans Dirigentenpult. 1983 gründete Fischer zusammen mit dem Pianisten Zoltán Kocsis das Budapest Festival Orchestra. Er ist Chefdirigent des Orchesters.

Das Gespräch führte Corina Kolbe

Source: http://www.dw.de/dw/article/0,,16135259,00.html