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A zenekar

Maria João Pires macht sich rar auf den Konzertpodien. So sie denn auftritt, hat ihre musikalische Rede aber Gewicht. Jede Phrase scheint sie auf ihren Gehalt für die Gegenwart zu befragen. So werden im Kopfsatz von Ludwig van Beethovens Klavierkonzert Nr. 4 G-Dur op. 58 die chromatischen Läufe zu schmerzhaft bohrenden Pfeilen, denen Pires die Utopie einer zärtlichen Welt gegenüberstellt. Mitunter schien es bei ihrem Auftritt in der Zürcher Tonhalle, als wollte die Pianistin mit ihrem Insistieren auf dem Leisen den Komponisten vor den eigenen aggressiven Impulsen schützen. Aufwühlend war das, zumal ihr das Budapest Festival Orchestra unter der Leitung von Iván Fischer Widerpart und Partner zugleich war (nzz.ch)

Als orchestrales Hauptstück dann die g-Moll-Sinfonie op. 25 von Johannes Brahms. Gemach, die Musikgeschichte muss nicht neu geschrieben werden. Bei diesem sinfonischen Werk handelt es sich um das 1. Klavierquartett, das Arnold Schönberg für grosses Orchester arrangiert hat, und dies mit Gespür für Struktur und Farbe, aber auch für Witz und Effekt. Verleitet der isolierte Einsatz des Glockenspiels im Kopfsatz noch zum Schmunzeln, greift Schönberg für die beiden letzten Sätze tiefer in die Instrumentierungstrickkiste. Mit dem Rondo alla zingarese fügt er Brahms’ «Ungarischen Tänzen» gleichsam eine neue Folge hinzu, die dank dem gekonnt eingesetzten Schlagzeug weit ins 20. Jahrhundert weist. Das Budapest Festival Orchestra zog alle Register und malte ein farbenreiches Bild, Breitleinwandeffekte im Andante und die Zuspitzung im Finale mit eingeschlossen.

Während hier also Brahms auf seine Fortschrittlichkeit abgeklopft wurde, ist Mozarts Arie «A Berenice – Sol nascente» KV 70, mit der Marysol Schalit den Abend im Rahmen der Migros-Kulturprozent-Classics eröffnet hatte, noch ganz der barocken Tradition verhaftet. Das bot der gebürtigen Bernerin die Gelegenheit, nicht nur ihren warm fliessenden Sopran ins beste Licht zu rücken, sondern auch ihre Kehlfertigkeit in einer halsbrecherischen Kadenz unter Beweis zu stellen.

Jürg Huber