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Fischer Iván

Iván Fischer und das Budapest-Festival-Orchester mit Brahms und einer Rarität in der Alten Oper Frankfurt (Frankfurter Allgemeine Zeitung)

„Das hätte ich selbst nicht besser machen können”, soll der alte Brahms kaum zwei Jahre vor seinem Tod über Ernő von Dohnányis Opus 1 gesagt haben. Der war völlig zu Recht sehr stolz, denn schon damals wusste man, wie gemein — etwa im Fall des Komponisten Hans Rott — Brahms urteilen konnte, wenn er die Begabung eines Jungtalents nicht erkannte.

Das allesjedoch hat nicht verhindern können, dass Dohnányis Werke in deutschen Konzertsälen der Gegenwart kaum erklingen. Eine Ausnahme stellte jetzt das Gastspiel des famosen Budapesti Fesztiválzenekar (Budapest-Festival-Orchester) in der Alten Oper Frankfurt dar, das mit Dohnányis 1933 komponiertem Orchesterwerk „Sinfonische Minuten” op. 36 eröffnet wurde. Glücklicherweise rundeten die sich auf immerhin 15 Minuten Aufführungsdauer, so dass man sich über die Kompositionsweise des Ungarn ein Bild machen konnte und nicht das Gefühl bekam, nur eine Petitesse erlebt zu haben.

Der für ein großbesetztes Orchesterwerk seltsam anmutende Titel macht deutlich, dass es sich um fünf kurze Charakterstücke handelt. Die allerdings erscheinen in einem derart präzise fokussierten Klanggewand, dass man über solche Instrumentations-Meisterschaft nur staunen kann. Dohnányi bemüht eine ungeahnt vielfältige Palette fein austarierter Klangfarben, so dass jedes der fünf kurzen Stücke schon bei einmaligem Hören im Gedächtnis haftet. Verstärkt wurde der Eindruck durch Dirigent Iván Fischers suggestiv klangscharfe Interpretation.

Ein Meister pianistischer Ausgewogenheit ist der böhmisch-österreichische Musiker Rudolf Buchbinder, der jetzt wieder einmal Solist des Konzerts für Klavier und Orchester Nr. 1 C-Dur op. 15 von Ludwig van Beethoven war. Seine Interpretation, klavieristisch wie aus einem Guss und handwerklich überaus souverän, stand zunächst zwar ein wenig im Kontrast zum „revolutionären” Impetus des mit historischem Blech aufspielenden Orchesters, doch kam es alsbald zu einer Angleichung. Besonderen Eindruck machte Buchbinder auch mit der harmonisch differenzierten Kadenz. Für den großen Beifall bedankte Buchbinder sich mit einer seiner Lieblingszugaben: einer Paraphrase über Themen aus der „Fledermaus”.

Die Sinfonie Nr. 4 e-Moll op. 98 von Johannes Brahms ist gewiss kein auf Spaltklänge zielendes Werk, doch nutzte Fischer auch hier konsequent jede Möglichkeit zu klangfarblicher Charakteristik. So rückte der Triangelspieler nach vorn und wurde der erste Einsatz der Posaunen-gruppe als besonderer Moment der Partitur herausgestellt. Sorgfältig dosiert wurde auch die Dynamik. Zwei Ungarische Tänze von Brahms waren die Zugaben.

Im Programmheft der Alten Oper zu diesem Abend wird — wie zu solchen Anlässen üblich — Brahms und seine Zeit beleuchtet. Zur vierten Sinfonie heißt es in diesem Zusammenhang, das 1885 frisch komponierte Werk habe überall — auch in Frankfurt — große Erfolge verbuchen können, nur in Wien habe man herumgemäkelt, Brahms sei „wieder mal nichts eingefallen”. Diese Bemerkung ist leicht missverständlich und bedarf der Ergänzung: Das von Brahms’ Kritikern damals zum Spott mit den skandierten Silben „Es-fiel-ihm-wie-der-mal-nichts-ein” unterlegte Anfangsthema ist eine Anspielung auf Brahms’ Eigenart, relativ uncharakteristisehe Themen — in diesem Fall eine einfache Terzenkette — zum Baustein  kunstvollster Satzgebilde zu machen. Selbst eine Künstlerin wie die ihm sicher wohlgesinnte Pianistin Clara Schumann hat im Zusammenhang mit einem neuen Kammermusikwerk Brahms einmal darauf hingewiesen, das Thema könne ihm leicht jemand „stehlen”, doch was Brahms daraus mache, sei hohe Kunst. In dieser Hinsicht steht Brahms’ Kompositionsweise in starkem Kontrast zum „Melodienerfinder” Tschaikowsky. Seine Gegner haben das immer als vermeintliche Schwachstelle ins Feld führen wollen: Missgunst und Neid waren auch im 19. Jahrhundert Alltag. Vielleicht waren es dieselben Zeitgenossen, die Brahms in Anspielung auf Schumanns wegweisenden Aufsatz respektlos „Hans Neubahn” nannten.

HARALD BUDWEG