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Ein ungarisches Märchen

Vor fast 30 Jahren hat Iván Fischer das Budapest Festival Orchester (BFO) gegründet und es durch strengste Disziplin und übermenschlichen Enthusiasmus zur Weltspitze geführt: Es zählt zu den zehn besten Klangkörpern auf dem Planeten, und vor dem Hintergrund der ungarischen Verhältnisse in dieser Zeit muss man von einem „Wunder“ sprechen. Jetzt, nach all den dramatischen Ereignissen der letzten Jahrzehnte, muss es mit der neuen politischen Unkultur der rechtslastigen Orbán-Regierung fertig werden. Deshalb will Fischer „sein“ geliebtes selbst verwaltetes Kollektiv auch in dieser schweren Zeit nicht im Stich lassen, wie er vor wenigen Wochen in einem Artikel in der „Süddeutschen Zeitung“ ausführlich darlegte. Denn künstlerisch kann er mit keinem anderen Orchester solche Resultate erzielen. Man kann nur hoffen, dass die derzeitige Administration erkennt, welches Kulturgut hier auf dem Spiel steht.

Wenn man die neueste, zwei Schlüsselwerken der Moderne gewidmete SACD des BFO nur wenige Minuten genossen hat, dann versteht man staunend, warum Fischer bei diesem Orchester auch musikalisch von einem „Wunder” spricht – und von einer „einzigartigen kollektiven Musikalität und einer einheitlichen emotionalen Ausstrahlung”. Denn selten hat man in den letzten Jahren auf einem Tonträger Strawinskys „Sacre“, diese Orgie des Rhythmus und raffinierter Klangfarben, so perfekt, so bedrohlich schön, so bis ins letzte Detail ausgehört und so haptisch-kompakt zu hören bekommen, also in einer kaum noch zu überbietenden lebendigen Klangkultur. Alle Beteiligten scheinen wie in kollektiver Trance zu agieren und sich auf magische Weise zu einem einzigen Klangkörper zu fügen, der in allen Farben schimmert und in seiner Motorik die Schönheit eines gebändigten Raubtiers ausstrahlt. Bei solchem Spiel begreift man sofort, warum Strawinskys Werk auch 100 Jahre nach der ersten Vorführung nichts von seinem exotischen Zauber verloren hat.

Das klingt fast nach künstlerisch sublimierter Widerrede: Dem antiliberalen Ungeist der derzeitigen Machthaber in Ungarn begegnet das BFO mit der unantastbaren Souveränität eines „freien“ Kollektivs. Auch das Restprogramm mit der „Feuervogel“—Suite und zwei Miniaturen verströmt dunkle Zauberkraft und audiophiles Flair, was natürlich auch der perfekt ausbalancierten Klangbühne des Mehrkanalpioniers C. Jared Sacks geschuldet ist.

Attila Csampai, stereoplay.de