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Gespräch mit dem geschäftsführenden Direktor des Budapest Festival Orchesters

Im Budapest Festival Orchester kam es zu Beginn des Jahres zu einem Führungswechsel. Nach 20 Jahren Arbeit für den Klangkörper ging der bisherige geschäftsführende Direktor Tamás Körner in seinen wohlverdienten Ruhestand. Neu besetzt wurde die Position mit Stefan Englert. Die Budapester Zeitung sprach mit ihm über Herausforderungen und Zukunftsstrategien.

Was war Ihre Motivation, nach Ungarn zu kommen?

Ich glaube, es ist im internationalen Orchestergeschäft momentan die spannendste Stelle, die man überhaupt haben kann. Das Budapest Festival Orchester ist in weniger als 30 Jahren an die absolute Welt­spitze der Orchester gelangt. Es besitzt ein unglaubliches Potenzial, eine Persönlichkeit, was in der Form nur sehr wenige Orchester haben. Iván Fischer hat es geschafft, mit dem Orchester einen unverwechselbaren Klang zu generieren und musikalisch intensive Aufführungen auf die Beine zu stellen, sodass das Orchester etwas ganz Besonderes ist. Das war für mich die Haupt­her­ausforderung, hierher zu kommen.

Ich habe natürlich auch überlegt: Möchte ich weg aus Deutschland? Aber nachdem ich kurz überlegt und mit Iván Fischer über die Perspektiven und die mögliche Wei­ter­­entwicklung des Orchesters ge­sprochen habe, war es gar keine Fra­ge, dass ich nach Ungarn komme. Es ist ein sehr erfüllender Job.

Im vergange­nen Jahr wurden die Subventionen für das Orchester von der Stadt Buda­pest und dem Staat gekürzt. Auch in diesem Jahr hat die Stadt an­ge­kündigt, die finanzielle Unter­stüt­zung für das Orchester zu streichen. Wie prekär ist nun die finanzielle Lage?

Das Orchester hat es immer geschafft, in jeder Situation flexibel auf alle möglichen Herausfor­de­rungen zu reagieren. In diesem Jahr haben wir eine besondere Situation, weil die Stadt unter enormen Finanzierungsproblemen leidet. Die Stadt möchte uns gerne Geld geben, es ist nur nicht absehbar, ob und wann wir dieses Geld bekommen. Wir haben dafür natürlich Verständnis, aber auch Sorgen um das Orchester.

Auf der anderen Seite haben wir von der Regierung eine Garantie bekommen, die bedeutet, dass wir in diesem Jahr keinesfalls mit weniger Subventionen auskommen müssen: Falls die Stadt ihren Teil nicht leisten kann, wird dafür die Regierung in diesem Jahr einspringen.

Sie haben auf die Sparpläne mit einem offenen Brief an die Stadt Budapest reagiert. Wie fiel die Antwort aus?

Darauf wurde sehr positiv reagiert. Die Stadt hat keine Kürzungen vorgenommen, weil sie das Orchester stützen möchte. Alle Entschei­dungs­träger in der Politik wissen genau, was sie an dem Orchester haben. Es ist „der“ internationale Bot­schafter für Ungarn und Buda­pest. Es wird daran gearbeitet, das Orchester auch weiterhin finanziell zu unterstützen.

Sie sollen eine neue Wachs­tums­phase des Orchesters einleiten und umsetzen. Welche Strategien werden verfolgt?

In den vergangenen fast 30 Jahren hat das Orchester eine unglaubliche Ent­wick­lung genommen. Die Zu­sam­men­arbeit von Iván Fischer und den Musikern hat zu außergewöhnlichen musikalischen Sternstunden geführt. Künstlerisch versucht Iván Fischer weiterhin, das Modell eines Orchesters der Zukunft zu präsentieren.

Allerdings müssen wir die finan­zielle Basis des Orchesters als Gan­zes ändern, sie sozusagen internationalisieren. Das ist unter anderem meine Aufgabe. Unter den zehn weltbesten Orchestern verfügen wir über das deutlich geringste Budget. Das muss in Zukunft verbessert wer­den. Die Finanzierung muss dabei auf verschiedenen Säulen stehen:

Zum einen sind staatliche Subven­tionen wichtig, auch wegen der Verankerung hier in Ungarn. Zum anderen versuchen wir, unser ganzes Sponsoring-Volumen national und international zu erhöhen. Au­ßer­dem müssen wir die internationalen Förderer des Orchesters noch stärker an uns binden. Es gibt bereits Freundeskreise des Orchesters in New York oder London, die jetzt schon einen erheblichen Beitrag hauptsächlich zu unseren Akti­vi­täten im Ausland leisten. Das gleiche möchten wir auch in Deutsch­land und Österreich erreichen. Die ersten Schritte sind gemacht. Wir wollen die Freundeskreise strategisch so entwickeln, dass wir mittelfristig die Möglichkeit haben, weitere private Mittel zu akquirieren.

Iván Fischer organisiert etwa die Komponisten-Marathons (die BZ berichtete) und Kinderkonzerte, nun auch kürzere Mitternachtskonzerte. Welche Ziele werden verfolgt?