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Die Instrumente in den Händen haltend: Das auch singende Budapest Festival Orchestra in Frankfurts Alter Oper. (Frankfurter Rundschau)

Nach dem 1. Klavierkonzert von Johannes Brahms wurde klar: das Gastspiel des Budapest Festival Orchestra unter Iván Fischer würde Überraschungen bieten. Es war nämlich nicht allein András Schiff, der Solist des 2. Sonntagabendkonzerts der Alten Oper, der sich zur Zugabe an den Flügel begab. Es waren die Orchestermitglieder höchstselbst, die sich um das Instrument scharten, um mit Schiffs pianistischer Unterstützung gewissermaßen zum Budapest Festival Choir mit romantischem Kollektiv-Gesang zu mutieren.

Nach der Pause war dann das gesamte Programm ein Wechselspiel zwischen Orchesterstücken aus Bedrich Smetanas „Má vlast – Mein Vaterland“ und Duetten für zwei Singstimmen und Klavier von Antonín Dvorák, die Tibor Gátay, Geiger des Budapester Ensembles, für Sopran, Alt und Orchester transkribiert hatte. Gut 25 Musikerinnen aus fast allen Stimmgruppen erhoben sich dazu jeweils von ihren Plätzen und sangen, teilweise noch die Instrumente in den Händen haltend, die bukolisch grundierten, mal heiteren, mal melancholischen Dvorák-Lieder. Schade, dass die Applaussucht des Publikums so groß ist und sich nach jedem der insgesamt sieben Programmpunkte des Vokal-Instrumental-Wechsels austoben musste, was die feinen Bezüge zwischen dem Smetana-Patriotismus und der Dvorákschen Lebenskundigkeit zunichte machte.

Begeisternd waren die Darbietungen der Budapester Multitalente allemal; am schlagendsten aber bei der durch Dauergebrauch unter Originalitätsverlust am stärksten leidenden Smetana’schen „Die Moldau“. Dank Fischers Alertheit und Dezenz kamen die raffinierten Wellen-Verwebungen und illustrativen Ausfällungen wie neu gehört zur Geltung. Irritierend allerdings die Einstellung des Dirigenten, ihm als zu national dünkende Sätze des Zyklus angesichts aktueller politischer Gemengelagen nicht zu spielen. Mit solcher Einstellung wäre eigentlich das Aus für viele russische, deutsche, englische, italienische und französische Opern samt ihrer barocken Vorhut besiegelt.

Dagegen war die Entscheidung von Fischer und seinem begnadeten Solisten András Schiff überwältigend, das 1. Klavierkonzert von Brahms nicht als ein Pingpongspiel zwischen himmelhochjauchzend und zu Tode betrübt zu geben, sondern als ein artistisches Wunderwerk feinst verwobener Stimmen, in denen ein ganz dünner Faden verkappter Schwermut mitläuft: Ausdrucksprozessualität als Schönheit. Am Anfang dieses denkwürdigen Abends stand die Manfred-Ouvertüre Robert Schumanns.