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Ivan Fischer Photo: Marco Borggreve

Angesichts dessen, was das Budapest Festival Orchestra unter Leitung seines Gründers Iván Fischer am Sonntag im Alfried Krupp Saal der Essener Philharmonie mit der Interpretation der ‘Tragischen Ouvertüre’ op. 81 und der Sinfonie Nr. 2 D-Dur op. 73 von Johannes Brahms bot, wird man als Kritiker leicht ratlos, weil sich Stimmigkeit, Präzision und Wirkung dieses Ereignisses dem verbalen Zugriff eher verweigern als sich durch ihn erschließen lassen. Ein Einblick in das, was vor dem Konzert geschah, sprach hingegen Bände: Innerhalb der Reihe ‘Die Kunst des Hörens’ lokalisiert, in welcher die Konzerte gewöhnlich eine kurze, meist eher allgemein oder anekdotisch gehaltene Einführung erfahren, konnte man Erstaunliches erleben. Denn Fischer äußerte sich nicht etwa zum Konzertprogramm, sondern zeigte zunächst, verbunden mit einigen Erklärungen, wie detailliert er gewöhnlich beim Einstimmen des Orchesters vorgeht, um die leeren Saiten der Streicher möglichst perfekt mit dem Holz- und Blächbläsersatz zu koordinieren. Daraufhin verdeutlichte er beispielsweise am Beginn der Brahms’schen Sinfonie, wie er beim Proben die Klänge so lange stehen lässt, bis den Musikern anhand der erklingenden Obertonstrukturen Intonationskorrekturen möglich sind. Auch wenn sich einige Konzerbesucher dadurch wohl um die erwartete Einführung betrogen fühlten mochten, konnte man hier doch faszinierende Einblicke in Fischers Fähigkeiten als Orchestererzieher gewinnen – und bekam dazu noch eine Erklärung für das geliefert, was anschließend als unerhörte, durch keinerlei Intonationsprobleme getrübte, aber dennoch höchst lebendige Perfektion im Zusammenspiel zu hören war.

Elektrisierend wie die Tuttiakkorde, mit denen Fischer die ‘Tragische Ouvertüre’ anheben ließ, war auch das, was er sonst aus der Musik herausholte. Erstaunlich etwa die Formung der Themen in op. 81 wie auch in der D-Dur-Sinfonie: Plastisch, großräumig ausgesungen, sehr schön abphrasiert und mit einer detailreichen klanglichen Abtastung versehen, zeichnete der Dirigent die Musik, um dort, wo sich erste und zweite Violine als Gegenstimmen entfalten, die von ihm gewählte “deutsche” Orchesteraufstellung mit ihrer Positionierung der Geigen auf der linken und rechten Seite des Podiums zusätzlich (und ohne jegliche Probleme beim Zusammenspiel) zur räumlichen Profilierung der Thematik zu benutzen. Die Exposition von op. 73 geriet dabei zu einem wahren Traum, angefangen mit den wie aus der Ferne hereinschallenden Hornrufen zu Beginn über den zunächst tastend gestalteten Einsatz des Hauptthemas in den Violinen bis hin zur melancholischen Kantilene des zweiten Themas. Hier wie auch an anderen Stellen neigte Fischer zu einer sehr genauen, jeweils weit in den Forte- und Pianobereich hinein ausgeloteten dynamischen Differenzierung und führte die Musik dabei mit einer Bandbreite von klanglichen Nuancen vor, wie man sie sonst – selbst auf Tonträgern – selten zu hören bekommt.

Auch der dritte Programmpunkt, Édouard Lalos ‘Symphonie espagnol’ d-Moll op. 21 mit dem französischer Geiger Renaud Capuçon, geriet zu einer kleinen Sensation, da Fischer das Werk tatsächlich als sinfonische Komposition ernst nahm und – das Orchester aus seiner Rolle als Begleitkrücke für den Solisten herausführend – die Interpretation ganz auf die Vielfarbigkeit all jener mit französischem Parfüm übergossenen Hispanismen richtete, die den Tonfall der fünf Sätze durchziehen. Dabei fand er einerseits die richtige Balance, um Capuçons sinnlichen, auf geigerische Klangentfaltung gerichteten Vortrag zu unterstützen, setzte aber andererseits immer wieder auch prägnante orchestrale Akzente an solchen Stellen, an denen der Geiger pausierte oder sein Spiel mit kapriziösen Figurationen in die eher umrankende Funktion zurücknahm. Überhaupt erwies sich der Franzose als ideenreicher Interpret für Lalos Komposition, da er sich der vor allem im Kopfsatz vorherrschenden, den romantischen Virtuosen mit auftrumphendem Gestus feiernden Spielhaltung ebenso mühelos bediente, wie er – das Zusammenspiel mit dem Orchester im leichtfüßigen Scherzo ließ dies zur Genüge spüren – dem Violinpart raffinierteste klangliche Details zu entlocken wusste. Hier hatten sich die idealen Partner gefunden.

Dr. Stefan Dress, klassik.com