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infranken.de von THOMAS AHNERT
Brahms-Abend: Arcadi Volodos hat in seinem Spiel eine neue Qualität gewonnen. Sein Anschlag ist lyrischer geworden. Das ist der sperrigen Musik sehr gut bekommen.

Bad Kissingen — Iván Fischer also zum zweiten in diesem Kissinger Sommer – dieses Mal mit dem Budapest Festival Orchestra, das er vor 31 Jahren mit dem Pianisten Zoltán Kocsis gegründet hat und das zu einem der meistgeschätzten Stammgäste unter den Orchestern des Kissinger Sommers geworden ist. Das Programm war ganz nach dem Geschmack der Freunde der späten Romantik, zwei Großmonumente von Johannes Brahms gab’s zu hören: das Klavierkonzert Nr. 2 mit Arcadi Volodos als Solist und die 4. Sinfonie.

Arcadi Volodos hat seit seinem letzten Konzert beim Kissinger Sommer in seinem Spiel eine neue Qualität gewonnen. Man soll ja eigentlich Dienstliches und Privates trennen. Aber vielleicht liegt es daran, dass er vor kurzem erstmals Vater geworden ist, dass er gemerkt hat, dass es mehr gibt als nur möglichst virtuos und möglichst schnell Klavier zu spielen. Sein Anschlag ist farbenreicher, lyrischer geworden, ohne dass er deshalb die kantigen, wuchtigen Aspekte verloren hätte.

Nur wenige Freiheiten

Das 2. Klavierkonzert ist durchaus spektakulär, nicht nur, weil es das längste zumindest seiner Zeit war und enorme Anforderungen stellt. Aber es ist auch durch die Brahmsschen Bemühungen zur Konzentration derart kompakt und in sich geschlossen, dass es nur noch wenige gestalterische Freiheiten lässt. Und die nutzte Arcadi Volodos mit einem ungewöhnlich stark differenzierten Anschlag, mit zum Teil deutlichen kleinen Verzögerungen, wenn die Situation sie zuließ, die in die ganzen kantigen Bausteine der Tuttipassagen eine wohltuende persönliche Note brachten. Und die fokussierte sich in dem kraftvollen, drängenden, immer mal polternden Werk, das freilich durch manche schöne Einlage der Holzbläser durchbrochen wurde, auf den emotionalen Mittelpunkt des Werkes, das Andante, in dem zunächst das Solocello die ausnahmsweise lange Melodie spielt, in die sich das Klavier erst sehr spät einschaltet.

Hier lieferten Volodos und Peter Szabo ein wunderbar kammermusikalisch singendes Duett, das geradezu intime Bezüge bekam. Überhaupt hörte Volodos immer sehr genau in das Orchester hinein, was auch gut war, denn es brauchte ein bisschen Zeit, um sich zu synchronisieren und der gewohnt messerscharf genaue Partner zu werden. Als Zugabe spielte Volodos eine Bach-Sarabande, schnörkellos und deshalb wirkungsvoll.

Nach der Pause betätigten sich Iván Fischer und seine Leute bei der 4. Sinfonie als das, was ganz im Brahmsschen Sinne war: als Melodienzertrümmerer. Mit gnadenloser Genauigkeit und ohne jedes Bemühen, Brüche zu kitten, Reibungen zu verschleiern, entwickelten sie ein glasklares Bild dieser Musik, die ihre ganze Energie und ihre Themen aus einer einzigen fallenden Terz zu Beginn des ersten Satzes bezieht und daher auch entsprechend konsequent musiziert werden muss. Da konnte man genießen, dass Iván Fischer großzügig, aber auch ökonomisch mit den dynamischen Ressourcen umging, und dass das BFO im Grunde ein Solistenorchester ist, in dem jeder Verantwortung für das Gesamtergebnis übernimmt. Als Zugaben gab’s drei Ungarische Tänze von Brahms in der Bearbeitung von Iván Fischer.