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juedische-allgemeine.de von Jonathan Scheiner
Iván Fischer über seine Oper »Die Rote Färse«, Ritualmordlegenden und Judenhass in Ungarn früher und heute

Herr Fischer, Ihre Oper »Die rote Färse« hat diese Woche in Berlin deutsche Erstaufführung. Worum geht es in dem Stück?

Es geht um eine wahre Begebenheit im Ungarn des 19. Jahrhunderts, die sogenannte »Tiszaeszlár-Affäre«. Ein 13-jähriges christliches Mädchen war angeblich von Juden zu Pessach geopfert worden. Obwohl die angeklagten Juden freigesprochen wurden, gab es landesweit antisemitische Ausschreitungen. Diese Geschichte kennt in Ungarn wirklich jeder, zumindest wenn er Jude ist.

Auf welchen dokumentarischen und literarischen Vorlagen basiert die Oper?

Ich habe Zitate aus dem faszinierenden Buch von Gyula Krúdy von 1931 verwendet, denn ich wollte das Libretto nicht selbst schreiben. Krúdy hat eine sehr deutliche Meinung. Er versucht nicht, objektiv zu sein, sondern ist absolut auf der Seite dieser unschuldig angeklagten Juden. Dazu kommen noch einige Briefe von Lajos Kossuth über die »Tiszaeszlár-Affäre«.

Im Mittelpunkt der Oper steht ein jüdischer Junge, der 13-jährige Móric Scharf.

Móric Scharf war der Hauptzeuge der Anklage und belastete seinen jüdischen Vater schwer. Diese Aussage war unter Druck zustande gekommen. Mich hat vor allem interessiert, wie es den Verleumdern gelingen konnte, den Jungen zur Falschaussage gegen seinen Vater zu bewegen. Nach dem Freispruch kehrte er in die Familie zurück. Ich habe mich immer gefragt: Was geschieht da zwischen Vater und Sohn? Der Vater kommt nach einem Jahr, in dem er um sein Leben fürchten musste, aus dem Gefängnis nach Hause. Während dieser ganzen Zeit lebte der Sohn in einer katholischen Familie, die ihn manipulierte. In Österreich-Ungarn gab es übrigens später ein Schimpfwort, das nach diesem Jungen benannt war: Man sagte »Du bist ein Móric Scharf« und meinte damit, du bist ein Junge, der sich schlecht benimmt.

Und der Vater?

Vor ein paar Jahren habe ich ein Interview mit Móric Scharf gelesen. Dort sagte er, dass sein Vater nie etwas über den Prozess und seine Falschaussage gesagt habe. Das finde ich genial und hochinteressant. Ich kann es mir nur so erklären, dass sich der Vater dachte, das Wichtigste sei, dass sein Sohn in die Familie und zum jüdischen Glauben zurückkehrt.

Ein historischer Stoff? Ritualmordlegenden sind etwas außer Mode gekommen …

Von wegen. Es gab in den 90er-Jahren in Ungarn einen ähnlichen Fall, auch eine Mordsache. Da ist der antisemitische Hass plötzlich wieder hochgekocht. Dieser ganze Mechanismus von Sündenbock, Aberglaube und Antisemitismus – ich glaube nicht, dass der verschwunden ist. Das hat wenig mit der aktuellen Politik zu tun, auch nicht mit der rechtskonservativen Regierungspartei von Victor Orbán und der rechtsradikalen Jobbik-Partei. Es gibt eine antisemitische Grundhaltung, die in ganz Osteuropa stark verwurzelt ist, nicht nur in Ungarn.

Wie erleben Sie selbst diesen Antisemitismus im Alltag?

Der ungarische Antisemitismus ist nicht so leicht in Worte zu fassen. Manche Juden werden auf der Straße beschimpft. Doch ich selbst habe sehr wenige solcher Erlebnisse gehabt. Ich sehe zwei Entwicklungen in Ungarn sehr kritisch: erstens, was mit den Roma geschieht. Sie sind ganz fürchterlich arm und werden kollektiv als Diebe und Bürger zweiter Klasse verurteilt. Das ist ein Pulverfass. Und zweitens gibt es eine Staatsideologie, die zwar nicht offen antisemitisch ist. Aber es werden antisemitische Stereotype bedient wie die internationalen Finanzkreise, die an der schlechten Lage Ungarns angeblich schuld sind. Damit sind letztlich die Juden gemeint. Das ist ein schleichender Antisemitismus, der dem offenen Judenhass Vorschub leistet.

Viele ungarisch-jüdische Intellektuelle und Künstler haben aus Angst ihre Heimat verlassen. Wann gehen Sie?

Mein Freund, der Pianist Andras Schiff, hat aus der derzeitigen Situation die Konsequenzen gezogen und Ungarn den Rücken gekehrt. Aber bei mir ist das etwas Anderes. Ich habe dort ein Orchester und vor allem ein Riesenpublikum. 10.000 Leute, die meine Konzerte als ihren Treffpunkt ansehen. Diese Menschen kann ich nicht im Stich lassen. Da würde ich mich schuldig fühlen.

Zurück zu Ihrer Oper. Welchen musikalischen Stil verwenden Sie dort?

Es gibt Csárdás sowie jüdische Melodien und jiddische Lieder vom Ende des 19. Jahrhunderts zu hören. Doch selbst die Niggun, die darin auftauchen, habe ich bearbeitet. Genauso wie die klassische Musik, die uns an die Zeit von Gustav Mahler erinnert. Dadurch entsteht ein musikalischer Eklektizismus, der bewusst so gewählt ist. So stelle ich mir vor, was im Hirn dieses Jungen damals vorgegangen ist. Meine Musik versucht so ähnlich wie möglich wie die historischen Lieder zu klingen, aber eigentlich ist alles gefaket, wenn Sie so wollen. Alles ist von mir!

Spiegelt sich in der Oper die jüdische Identität des Iván Fischer?

Ich wurde in einer nichtreligiösen Familie groß. Mein Urgroßvater hat noch sehr religiös gelebt, aber mein Großvater hat aufgehört mit der Religion. Das war in Mode um 1900. Ich bin jetzt die dritte Generation ohne Religion in der Familie, aber mit einer starken jüdischen Identität. Das Interesse an jüdischer Musik kommt aus mir selbst.

Das Gespräch führte Jonathan Scheiner.

»Die Rote Färse« hatte 2013 in Budapest Premiere. Die deutsche

Erstaufführung des Einakters ist am Samstag, den 28. Juni, um 17 Uhr im Konzerthaus Berlin am Gendarmenmarkt. Weitere Aufführungen: Samstag, 28. Juni, 20 Uhr, Sonntag, 29 Juni, 17 und 20 Uhr. www.konzerthaus.de

 

Iván Fischer, 1951 in Budapest geboren, ist Dirigent und Komponist. 1983 gründete er das Budapest Festival Orchestra, das er seit 20 Jahren leitet. Seit der Spielzeit 2012/13 ist Fischer Musikdirektor des Berliner Konzerthauses am Gendarmenmarkt und Chefdirigent des Konzerthausorchesters Berlin. Fischer hat vier Kinder, darunter die Sängerin Nora Fischer, die auch bei der Aufführung von »Eine deutsch-jiddische Kantate« in Amsterdam mitwirkte, Fischers am häufigsten gespielten Werk.