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Kaum ein anderer Komponist, dessen Interpretationen unter Klassik-Hörern kontroverser diskutiert werden, als jene mit den Orchesterwerken von Gustav Mahler (1860-1911). Seine Sinfonien gelten heute, neben dem klassischen Beethoven-Zyklus, als absolute Highlights der Gattung. Schaut man in Klassik-Diskussionsforen, so findet man dort heiß diskutierte, ellenlange Threads über die besten Mahler-Aufnahmen aller Zeiten. Es gibt zahlreiche Bücher über Gustav Mahlers Klangwelt und es gibt eine unüberschaubare Diskografie an Studio-, Live-, und Radio-Aufnahmen, angefangen von den frühesten Aufnahmen mit Bruno Walter aus den 1930er Jahren bis hin zu den aktuellen Neueinspielungen von Mariss Jansons, Neeme Järvi, Marin Alsop, Simone Young und – last but certainly not least – dem künftigen Dirigenten des Berliner Konzerthausorchesters Iván Fischer.

Nachdem Mahlers erste Sinfonie in D-Dur bis vor einigen Jahren noch in der öffentlichen Wirkung von seinen späteren Sinfonien in den Schatten gestellt wurde, nehmen sich in letzter Zeit Dirigenten und Orchester wieder verstärkt dem Erstling an. Unbestritten ist, dass sie bereits viele Elemente von Mahlers typischen Musiksprache beinhaltet. Die Wikipedia schreibt darüber:

» Die Verwendung volkstümlicher Melodien, die ironische Verfremdung, die collagenartige Schichtung von Motiven und die teilweise schroffe Verarbeitung der Themen werden hier bereits angedeutet. Auch die grotesk anmutende derbe Rhythmik des Scherzos kehrt in den folgenden Werken immer ausgeprägter wieder. Das Nebeneinander von scheinbar Unpassendem, wie Mahler es im dritten Satz konzipiert, wird später in der 3. und 4. Sinfonie zur Regel. «

Die Sinfonie mit dem später fallen gelassenen Beinamen “Der Titan” wurde im November 1889 in der Vigadó-Halle in Budapest unter der Leitung des Komponisten uraufgeführt – und wurde sein erster veritabler Flop. Die nicht ganz ideale Akustik der Halle, das wenig sachkundige und streitlustige Publikum, die beißende Kritik, vielleicht auch das Orchester waren alles andere als ideale Voraussetzungen für diese Sinfonie aus fragmentarisch aneinandergereihten Zitaten, Anspielungen und Melodienschnipseln.

Budapest Festival Orchester, Iván Fischer: Gustav Maher - Symphony No. 1Diese ‘Schuld’ in der Budapest seit der Uraufführung steht, war für Iván Fischer der Antrieb sich mit der Sinfonie intensiv zu beschäftigen und zu belegen, »dass diese Sinfonie eines der großartigsten Meisterwerke der Musikgeschichte ist.«

Die vorliegende Neuaufnahme der ersten Sinfonie ist bereits die vierte Mahler-Produktion, die Iván Fischer mit dem von ihm mitgegründeten Budapest Festival Orchestra für Channel Classics aufgenommen hat. »Mahler ist für mich fast wie eine Muttersprache« hat Fischer einmal gesagt. Das drückt seine emotionale Nähe zum Komponisten aus, ist aber auch Ausdruck einer Natürlichkeit, mit der Fischer und die Budapester sich bei ihren Mahler-Einspielungen bewegen.

Es steckt so etwas wie eine perfekte Balance in dieser Aufnahme: Da gibt es die technische Souveränität und Leichtigkeit, mit der das Orchester musiziert und selbst in den schwierigsten Passagen, etwa im vierten Satz, dank der umsichtigen Leitung Fischers den Überblick behält; da ist die warme Sinnlichkeit, mit der Fischer und das Orchester die Musik regelrecht zelebriere; da ist schließlich ein tiefes intellektuelles und emotionales Verständnis für Mahler und all seine inneren Widersprüche, seinem Hang zu volkstümlichen Melodien und Rhythmen, seine Ironie, seine Zerrissenheit.

Fischer und sein »Orchester von echten Künstlern, das als hochdiszipliniertes Team musiziert« gestalten Mahlers Erste mit überragender Spieltechnik und Seele. Das ergibt in der Summe eine der aufregendsten und überzeugendsten Einspielungen, die ich von der Sinfonie kenne. Dass sie als Channel-Classics-Produktion dann auch noch den bestmöglichen Klang bietet, ist da fast (aber eben nur fast!) Nebensache.

http://www.bfz.hu/videos/fischer-ivan-mahler-1-szimfoniajarol/

Iván Fischer hat mit seinem Budapest Festival Orchestra eine klanglich und interpretatorisch überragende Einspielung der Sinfonie No. 1 in D-Dur von Gustav Mahler vorgelegt. Nach den ebenso herausragenden Einspielungen der Sinfonien Nos. 2, 4 und 6 belegt das Tandem Fischer/BFO einmal mehr, dass sie zu den besten Mahler-Interpreten zu zählen sind. Ich freue mich schon auf weitere Großtaten in Sachen Mahler aus Budapest. Die besondere CD, erschienen im August 2012.