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Zsinagóga, Gyöngyös

Der Dirigent Iván Fischer reist durch Ungarn und gibt Konzerte in verlassenen Synagogen. Warum? "Weil das Land zu retten ist." Von Cathrin Kahlweit, Süddeutsche Zeitung.

Das Publikum ist an diesem Tag sehr unentschieden: Was zieht man an, wenn man in ein Konzert geht, das in einer Synagoge gegeben wird, die bis vor kurzem ein Möbelgeschäft war? Jeans? Doch Abendkleid? Feinmachen sieht komisch aus, wenn man auf eilig aufgestellten Stühlen zwischen roten Hinweisschildern für Feuerlöscher sitzt. Oder unterhalb der metallenen, in den einstigen Gebetsraum hinein gebauten Treppe, über die Kunden und Verkäufer ins Lager hochzusteigen pflegten. Jetzt hallen die Schritte von Fotografen und zu spät gekommenen Zuhörern auf den eisernen Stufen.Der Raum ist so voll, dass zahlreiche Menschen stehen müssen, man drängt sich zwischen Stellwänden einer Fotoausstellung aus Jerusalem und blau angemalten Säulen, von denen die Farbe splittert. Das Konzert ist kostenlos, hinterher gibt es Kuchen.

Gewöhnlich ist nicht so viel los in dem kleinen Ort nordöstlich der Hauptstadt. Aber während der ungarische Ministerpräsident, Viktor Orbán, in Deutschland und Österreich seine Flüchtlings- und Minderheitenpolitik preist, die auf nationale Abschottung, die Abwehr der muslimischen Bedrohung und die Bewahrung einer christlichen ungarischen Nation abzielt, werden in Gyöngyös demonstrativ die Türen geöffnet. Für Christen, für Juden, und wenn denn welche gekommen wären an diesem warmen Spätsommerabend, sicher auch für Muslime.

Wer kauft in einem Möbelladen, der daran erinnert, dass hier vor dem Holocaust Juden beteten?

Die Synagoge von Gyöngyös ist die zweitgrößte außerhalb von Budapest – zumindest, was ihre Ausmaße angeht. Ihre Ausstrahlung hat etwas gelitten. Vor dem Tor staubt ein geschlossener Kiosk vor sich hin. Drinnen windet sich rund um die Kuppel der stolzen Basilika ein breites Metallband, rot und glänzend silbrig, 80er-Jahre-Disco-Ästhetik. Offenbar wollte der Unternehmer, der nach dem Krieg von der Gemeinde für eine lächerliche Summe den Zuschlag bekommen hatte, dem prächtigen Gebäude das Weihevolle nehmen, das es einst ausstrahlte. Wer kauft schließlich schon gern Betten oder Tische in einem Laden, der daran erinnert, dass hier bis zum Holocaust etwa 2000 Juden beteten, die 1944 ins Ghetto und dann nach Auschwitz deportiert wurden? 
Der Saal ist gesteckt voll, zum ersten Mal seit Jahrzehnten. Es ist ein historischer Tag. Die wenigen Mitglieder der jüdischen Gemeinde, 20 sind es gerade noch, sind gekommen, einige Verwandte aus dem 80 Kilometer entfernten Budapest, aber auch der katholische Pfarrer, Honoratioren, Musikliebhaber, Idealisten. Denn Iván Fischer besucht die Kleinstadt – der berühmte Dirigent, der mit allen großen Orchestern der Welt gearbeitet hat.
Seine Großeltern sind im Holocaust umgekommen. Er will nicht, dass die Erinnerung an jüdische Kultur, jüdische Tradition, jüdischen Alltag im Vorkriegs-Ungarn heute vorwiegend auf Friedhöfe verbannt bleibt. Daher veranstaltet der ungarische Künstler regelmäßig “Synagogen-Konzerte” mit Mitgliedern des “Budapest Festival Orchestra”. Normalerweise treten die Musiker in der Carnegie Hall oder der Royal Albert Hall auf. Jetzt spielen sie in Gyöngyös, wo das Möbelgeschäft mittlerweile ausgezogen ist und jetzt, vielleicht, ein Begegnungszentrum entstehen soll.
Am nächsten Tag in Cegléd; hier wurde die Synagoge von der Kommune in eine Sporthalle umgewidmet. Und wieder einen Tag später in Dombóvár; hier war das jüdische Gebetshaus nach Holocaust und Krieg als Getreidesilo genutzt geworden.
Die jüdischen Gemeinden schöpfen daraus ein wenig Hoffnung. Zwölf Konzerte dieser Art gab es bis jetzt, und es soll weitergehen. Fischer und seine Mitstreiter suchen umgewandelte, heruntergekommene, vergessene Synagogen auf dem flachen Land, wo die einst großen jüdischen Gemeinden vernichtet wurden. Mehr als 500 000 ungarische Juden wurden unter deutscher Besatzung ermordet – unter tätiger Mithilfe der ungarischen Exekutive.
Mittlerweile leben in Ungarn wieder mehr als 100 000 Juden; die Budapester Gemeinde ist eine der größten Europas. Aber das jüdische Leben findet überwiegend in Budapest statt, wo die prächtigen Synagogen aufwendig renoviert wurden und heute nicht nur Touristenattraktionen, sondern auch regelmäßig gut genutzte und gefüllte Gebetshäuser sind. In der Provinz hingegen gebe es, sagt Dirigent Fischer mit einer gewissen Bitterkeit, “immer noch viele judenfreie Orte”. Das will er zeigen. Und den “nicht mehr existierenden jüdischen Gemeinden den Respekt verschaffen, den sie verdienen”.
Sein Hauptziel sei die Aufklärung, wird Fischer am nächsten Tag in seiner wunderbaren alten Budapester Villa sagen, während der dichter Regen auf Rosen und alte Kiefern niederrauscht: “Ich will Vorurteile abbauen, Erinnerungen lebendig werden lassen.”Deshalb gibt es bei jedem der Synagogen-Konzerte nur etwa 30 Minuten Musik von Puccini und Schostakowitsch, von dem außerhalb Ungarns eher unbekannten Matyas Seiber, von Béla Kovács. Klassik und Klezmer als Lockmittel, damit die Leute kommen. Und dazu eine Rede über die Geschichte der jeweiligen Synagoge, über ihr Werden und Vergehen, die Auslöschung der Gemeinden in Ungarn unter den Nazis. Und darüber, dass das ja nicht das Ende gewesen sein muss, sondern ein Anfang sein kann. Auch 70 Jahre danach.In Gyöngyös spricht Rabbi Shlomó Köves von der orthodox ausgerichteten Vereinigung ungarischer Juden (EMIH); er berichtet von der Ansiedlung der ersten Juden in Gyöngyös im 16. und dem Erstarken der Gemeinde im 19. Jahrhundert, als Juden im Ort ein Fünftel der Bevölkerung ausmachten. Vom Brand der alten Synagoge während des Ersten Weltkriegs und dem Neubau der neuen, großen Basilika im griechischen Stil 1930. “Selbstbewusst waren die Juden hier damals noch”, sagt er, “sie haben trotz des überall anwachsenden, bedrohlichen Antisemitismus dieses Gebetshaus gebaut, das aussieht wie ein Dom.”

Wenn die Juden von Gyöngyös heute beten wollen, gehen sie hundert Meter weiter, in ein Wohnhaus. Dort haben sie sich in einem Nebengebäude 1960 eine kleine Ersatzsynagoge eingerichtet, nicht mehr als ein Zimmer; die Bima, das Podium, und der Thoraschrein konnten aus dem großen Haus hinübergerettet werden. Es gibt noch manchmal eine Feier, oder eine Hochzeit, aber ein Rabbi war schon lange nicht mehr da. Der örtliche Klinikchef, Peter Weisz, hat Geld aufgetrieben, um das große Haus wieder flottzumachen als Kulturtreff. Vorerst seien alle dafür, sagt er, nicht nur der sozialistische Bürgermeister, sondern auch die vier Stadträte von der rechtsradikalen Jobbik-Partei.

Iván Fischer und die Musiker des Budapest Festival Orchestra sind nach der Vorstellung zurück nach Budapest gereist. Von dort brechen sie am nächsten Tag wieder auf für das nächste Synagogen-Konzert.

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