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Interview with Iván Fischer

Der ungarische Dirigent Iván Fischer über Erwartungsdruck, Inspiration im Orchester und Überraschungen am Konzerthaus

Iván Fischer, 1951 in Budapest geboren, zählt seit Jahren zu den gefragtesten Dirigenten weltweit. Vor dreißig Jahren gründete er sein Budapest Festival Orchester, das von der britischen Fachzeitschrift Gramophone zu den zehn besten der Welt gezählt wird. Am Konzerthaus ist Fischer seit dieser Saison Chefdirigent. Und in Berlin, das er als „frei, tolerant und fröhlich“ beschreibt, fühlt er sich bereits zu Hause.

Herr Fischer, Ihr Engagement ans Konzerthaus war mit sehr großen Erwartungen verbunden; ist das eine Belastung?

Das habe ich gar nicht so empfunden. Aber wenn man solche Erwartungen hat, dann sind ja auch ein erhöhtes Interesse und ein gewisser Enthusiasmus da. Und den brauche ich unbedingt, um etwas zu erreichen. Berlin hat so viele Orchester. Nicht zuletzt die Berliner Philharmoniker mit ihrem großen internationalen Ruf. Und es gibt dieses Orchester und dieses Haus im ehemaligen Ost-Berlin, was jetzt die schönste Mitte der Stadt ist. Vielleicht ist es sogar der schönste Ort in Berlin. Aber es ist immer noch so, dass man sich beweisen möchte. Und das ist eine sehr gesunde Haltung, etwas erreichen zu wollen. Viel besser, als wenn man glaubt: „Wir sind sowieso gut genug“.

Mit Ihrem Budapest Festival Orchestra haben Sie es bis in die Top Ten der internationalen Orchester gebracht – was ist mit dem Konzerthausorchester möglich?

So eine Auszeichnung ist sehr schön, man freut sich, aber es war nie der Sinn der Sache. Warum spielt ein Orchester, was machen wir eigentlich? Man muss sich bewusst sein, dass es nicht um Wettbewerb geht, nicht um den Vergleich mit anderen. Es geht um den Kulturbedarf des Publikums. Man dient einer Gemeinde, die Musik hören möchte. Und um Menschen mit Musik glücklich zu machen, gibt es nur einen Weg: Man muss die Musik, die man spielt, selbst lieben und diese Liebe mit dem Publikum teilen. Wenn man gelobt und ausgezeichnet wird, ist das schön, aber Musik muss im Saal gelingen. Die Leute sitzen dort und man muss in ihnen das innere Kind berühren, das etwas Schönes erleben will, aufgehoben sein und erhoben werden will. Das muss man vor Augen haben, dann kommen die Auszeichnungen von selbst.

Auf der Konzerthaus-Website kann man lesen „Ich dirigiere nur Werke, zu denen ich auch den Schlüssel habe.“ – Gibt es „den“ Schlüssel zu einem Werk?

Ich glaube schon. Ich komponiere ja selbst und weiß, wie dieser Prozess funktioniert. Man schreibt etwas, aber das sind nicht nur Noten. Eine Laune, ein Gefühl, etwas was mich fasziniert – irgend etwas steckt dahinter. Das muss man verstehen und man muss sich auch damit identifizieren können. Wenn ich Beethoven dirigiere, muss ich zwei Dinge tun: verstehen, was er sagen wollte, und auf dem Podium dasselbe ausstrahlen. Wie sich ein Schauspieler mit seiner Rolle identifiziert. Ich wäre ein Angeber, wenn ich behaupten würde, das gelänge mit jedem Komponisten. Und mit dem einen gelingt es besser als mit dem anderen.

Komponieren gehört für Sie zum Dirigentenberuf dazu?

Das hat sehr stark miteinander zu tun: Wenn man selbst komponiert, versteht man Komponisten besser. Und wenn man nicht komponiert, hat man ein sehr starkes Bedürfnis, kreativ zu sein, nicht „nur“ interpretieren zu wollen. Dann geht man manchmal zu weit. Ich erkenne die Frustration von nicht-komponierenden Dirigenten sofort und möchte immer sagen: Schreib mal was, das würde dich beruhigen. (lacht)

Sie selbst sind Schüler zweier so unterschiedlicher Künstler wie Hans Swarowsky und Nikolaus Harnoncourt – was hat Sie mehr beeinflusst?

Wahrscheinlich Harnoncourt mehr als Swarowsky. Der war trocken und gehörte zur Generation der neuen Sachlichkeit, für die galt: Bitte ja nicht sentimental sein. Sie war antiromantisch. Man sieht noch Spuren davon bei einem Dirigenten wie Pierre Boulez. Harnoncourt hat uns dagegen die Augen geöffnet, dass es um viel mehr geht. Musik ist nicht nur eine Reihe von Noten, sondern dahinter steckt eine Botschaft. Das hat mich viel mehr interessiert.

Was ist denn für Sie die Rolle eines Dirigenten?

Ich sehe meine Rolle darin, die Einheit eines Orchesters zu bewachen. Sie haben 100 Künstler vor sich, einer ist schüchterner, der andere temperamentvoll. Der Dirigent muss diese Talente in eine Richtung führen, damit ein einziger Ausdruck geschieht. Das ist unsere Aufgabe. Man darf nicht glauben, der Dirigent gäbe Anweisungen, denen der Musiker folgt. Das geht nicht. Ein Musiker muss das Stück kreativ darstellen, mit voller Seele, Überzeugung, Risiko. Natürlich muss man manchmal auch Fehler ausbessern, dann ist man so etwas wie eine Putzfrau. Diese Rolle haben wir auch, aber ein guter Dirigent ist nur zu 10 Prozent Putzfrau, 90 Prozent Inspirationsquelle.

Worin besteht der Unterschied zwischen Anweisen und Inspirieren?

Stellen Sie sich vor, die Flöte ist langsamer als die Bratschen. Dann kann man sagen: Also bitte die Bratschen nicht so schnell, oder „Flöte schneller, bitte“. Das ist die langweilige Arbeitsweise. Oder man sagt der Bratschengruppe: „In diesem Moment bitte auf die Flöte konzentrieren“. Dann schalte ich ihre Kreativität ein, und sie werden selbst merken, dass es zu schnell oder zu langsam geht. Es ist doch so: Wenn Menschen ein Musikinstrument studieren, wird ihre Kreativität gefördert, sie sollen Spezialinteressen entwickeln, sich für alles Mögliche interessieren. Und dann kommen sie in den Hafen des Sinfonieorchesters, und dort ist plötzlich sehr wenig Kreativität gefordert. Sie müssen weder nachdenken noch Programme gestalten oder ihre Persönlichkeiten entfalten – ihre Ideen sind nicht sehr gefragt. Diese Dualität von kreativer Ausbildung und unkreativer Beschäftigung ist eine Sackgasse, darüber müsste man neu nachdenken. Man muss die Kreativität der Musiker nutzen, beamtenhaftes Musizieren tötet die Musik.

Sie setzen auch am Konzerthaus Ihre Suche nach neuen Konzertformen fort – wozu braucht man die?

Unsere konventionelle Konzertform passt meistens nicht zur Musik. Schubert hat seine Lieder für einen Salon komponiert, wo vielleicht dreißig Leute um ein Klavier saßen. Wir sind in einem Saal vor 1000 Menschen – das ist nicht sehr schuberthaft. Oder denken Sie an Werke, die überraschen sollen: Beethovens neunte zum Beispiel war eine Revolution: Alle wurden überrascht, als plötzlich die menschliche Stimme in der Sinfonie erklang. Das ist etwas völlig anderes als das wöchentlich aufgeführte Werk, das ganz vorhersehbar ist. Manchmal ist es für mich eher das „normale“ Konzert, das ein bisschen komisch ist. Deshalb probiere ich damit herum: Was bedeutet das Werk eigentlich, was für eine Botschaft hat es. Und das versuche ich so zu realisieren, dass die ursprüngliche Idee rüberkommt. Wir haben zum Beispiel gerade einen Rachmaninow-Abend gemacht, der fing mit einem Klavierlied an. Das finde ich wichtig, weil es eine entscheidende Seite von Rachmaninow zeigt. Die russische Sprache ist zentral für ihn, und in einem konventionellen Orchesterkonzert würde das fehlen.

Das Überraschungskonzert haben Sie diese Saison aber nicht mehr angeboten.

Das wird auch wieder kommen. Nicht zu oft. Ein Überraschungskonzert ist toll, weil man sich nicht so festlegen muss. In diesem Geschäft müssen wir ja immer schon zwei Jahre vorher wissen, was wir wann mit wem aufführen. Da fehlt manchmal der Raum für die Umsetzung einer spontanen Idee, die heute aufkommt und morgen realisiert wird. Diese Möglichkeit bietet das Überraschungs-Konzert.

Sie laden das Publikum auch regelmäßig zu öffentlichen Generalproben…

Ich sehe das als Chance, weil es die verschiedenen Vorstellungen von Publikum und Orchester zusammenbringt. Ein Orchester will vor der Aufführung oft technische Fragen klären: Ist diese Note kurz oder lang, ist das Tempo gut, ist hier ein ritenuto… Das Publikum hinter mir lebt in einer anderen Welt. Die wollen wissen: Was ist das, worum geht es, was sagt es mir, was kann ich erleben. Das ist sehr nützlich: Wenn ich in der Generalprobe dem Publikum in zwei Sätzen sage, was wir wollen, weckt das auch das Orchester auf. Und das Publikum bekommt gleichzeitig eine Einsicht, wie ein Orchester funktioniert. Das bringt Orchester und Publikum zueinander.

Regelmäßig stellt sich Iván Fischer auch im Internet den Fragen des Publikums: 
Konzerthaus Berlin – Eine Frage, Herr Fischer…

von Klemens Hippel, concerti.de