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GUSTAV MAHLER

Iván Fischer bietet mit dem Budapest Festival Orchestra eine mitreißende, aber in den subtil ausgeformten lyrischen Teilen mindestens ebenso betörende Interpretation von Mahlers Erster Sinfonie.

An Einspielungen der Sinfonien Gustav Mahlers herrscht kein Mangel, im Gegenteil; auch an herausragenden Aufnahmen hat der Tonträgerkatalog eine Menge zu bieten. Noch vor hundert Jahren hatten Orchester mit Mahlers hochkomplexen und spieltechnisch äußerst anspruchsvollen Partituren ihre liebe Not. Heutzutage jedoch führen selbst mediokre Klangkörper Mahlers Sinfonien im Programm, weil sie technisch bewältigt werden können. Mit einigem Recht gibt Jens Malte Fischer daher im knappen diskographischen Schlussabschnitt seiner opulenten Mahler-Biographie zu bedenken, dass die Qualität heutiger Orchester auch manche Mängel der Interpretation vertusche. Das zeige sich vor allem in einer Tendenz zur Glättung sowie einer Domestizierung des Gebrochenen, das Mahlers Tonsprache auszeichne.

Fischers Vorbehalte mögen auf einen Gutteil jüngerer Mahler-Einspielungen zutreffen – auf Iván Fischers Neuaufnahme der Ersten Sinfonie, die eben von Channel Classics veröffentlicht wurde, trifft sie in keinem Fall zu. Das Budapest Festival Orchestra, von Iván Fischer mit begründet, ist eines der technisch versiertesten und stilistisch feinfühligsten Orchester, die es weltweit gibt. Die technische Ausnahmestellung ist allerdings nur Bedingung, solide Basis für ein inspiriertes, lebendiges Musizieren, das weitab jedes Oberflächenglanzes liegt. Das zeigte sich schon in Iván Fischers Einspielungen der Zweiten, Vierten und Sechsten Sinfonie – und es wird bestätigt durch diese hinreißende Interpretation von Mahlers Erster Sinfonie, die ebenfalls als klanglich höchsten Ansprüchen genügende hybride SACD produziert wurde. Sie überzeugt nicht nur im Mehrkanal-, sondern auch im Stereo-Format.

Fischer unnachahmliche Fähigkeit, den Fluss der Musik mit feinsten Rubati zugleich flüssig und äußerst schmiegsam zu gestalten, macht sich auch hier bezahlt. Nachdem er das Liedthema (‚Ging heut‘ morgen übers Feld‘) des ersten Satzes wunderbar sanglich phrasiert und dynamisch sanft ausklingen lässt, wo ein Sänger seine Atempause setzen würde, hält er die Fortführung mit sachten Ritardandi momentweise zurück, um den melodischen Fluss sogleich wieder frei strömen zu lassen. Dies passiert – hier wie auch an anderer Stelle – mit viel Geschmack und feinster Dosierung: Iván Fischer ist niemand, der übertreibt. Das Orchester folgt diesem inniglich bewegten Tempo haarfein, als hingen die Musiker wie Fäden an Fischers Dirigentenstab.

Die unzähligen Details von Mahlers Partitur lässt der ungarische Dirigent musikalisch stets sinnfällig zum Tragen kommen, und doch verfolgt er bei aller Detailtreue auch eigene interpretatorische Ideen. Während die langsam, zögerlich erwachende Natur der Einleitung fast ein wenig zu flüssig und bereitwillig Knospen sprießen lässt, hält Fischer den großen Ausbruch am Ende des Kopfsatzes im Gegensatz zu vielen anderen Dirigenten ungewöhnlich stark zurück, um den Höhepunkt dann aber umso jubelnder zu entfesseln. Dies ist nur ein Beispiel von vielen, die zu nennen wären, die Kontrastschärfe und präzise erfasste Idiomatik der jüdischen Blaskapellen-Musik im langsamen Satz ein weiteres.

Iván Fischer gewichtet die einzelnen Orchestergruppen und -stimmen meisterlich, das kontrapunktische Geflecht erhält eine seltene Plastizität – das allerdings braucht bei Fischer kaum eigens hervorgehoben zu werden, zeigt es sich doch in allen seinen jüngeren Einspielungen (ist allerdings keine Selbstverständlichkeit, was viele andere Einspielungen zeigen). Was die Zusammenarbeit von Iván Fischer und dem Budapest Festival Orchestra jedoch allem voran auszeichnet, ist die Liebe zum Detail. Der Quartauftakt des Scherzo-Themas atmet hier muskantische Robustheit, im Trio werden sachte Portamenti mit hauchfeinen Rubato-Wirkungen unterstützt. Auch in der Kopfsatzsatz-Durchführung lässt Fischer die Streicher mit leichtem Portamento singen – solch stilistische Differenzierung, die über das in der Partitur Notierte hinausgeht, findet sich selten. An diesen Stellen zeigt sich die Subtilität des exzellenten Orchesterspiels und der interpretatorischen Vorstellungen des Dirigenten. Das Ergebnis ist aber nicht nur im Detail bezaubernd, es hat auch die nötige Vehemenz und Durchschlagskraft im Finale.

In klanglicher Hinsicht ist Channel mit dieser Produktion wieder einmal ein diskographischer Diamant geglückt. Neben einer ausgezeichneten Balance zwischen Streichern (auch innerhalb der Streichergruppe, etwa im langsamen Satz) und Bläsern sind es vor allem die Schlagwerk-Farben, die hier ungemein konturenscharf, aber nicht unnatürlich oder nach vorn gezogen daherkommen. Die dynamische Feinarbeit wird bis ins kleinste Detail an den Hörer weitergegeben, ebenso der betörend warme Klang der Streicher.

 

Interpretation:*****

Klangqualität:*****

Repertoirewert:****

Booklet:***