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Zsinagóga, Gyöngyös

Gyöngyös am Rand des ungarischen Mátra-Gebirges ist eine schöne kleine Stadt mit etwa 33.000 Einwohner/innen. Heute ist ein herrlicher Spätsommertag in dem Örtchen mit seinen alten, bunten Häusern. Iván Fischer war mit im Flugzeug nach Budapest, etwa eine Autostunde von hier entfernt. Er leitet – neben dem von ihm gegründeten Budapest Festival Orchestra – seit ein paar Jahren als Chefdirigent das Konzerthausorchester Berlin und hat dort vor kurzem seinen Vertrag bis 2018 verlängert.

Die Synagoge von Gyöngyös sieht nur von außen nach einer Synagoge aus; und zwar exakt so, wie man sich ein jüdisches Gotteshaus durch die Jugendstil-Brille vorstellt; sie wurde 1913 erbaut. Innen gibt es eine Art »Bühnenfläche« – es sind Notenständer für die Musiker/innen aufgestellt. Die Hälfte des Innenraumes wird von einem sperrigen, vergitterten Treppenaufgang eingenommen, der zu leerstehenden Stauräumen führt, die einem Fernsehteam, Journalisten und weiteren Zuschauern jetzt als »erster und zweiter Rang« dienen.

Das Konzert beginnt mit einigen Minuten Verspätung. Immer mehr Menschen drängen in die eigentlich nicht kleine Synagoge, alle aufzutreibenden Stühle werden geholt. Die Leute sind neugierig, nicht nur auf die Musik. Viele sind offenbar zum ersten Mal hier in der Synagoge mitten in ihrer eigenen Stadt. Einige scheinen enttäuscht, dass es hier drinnen nicht so prachtvoll aussieht wie von außen.

Die vielfältige, große und lebendige jüdische Kultur in Ungarn wurde durch den Holocaust fast ausgelöscht. Auch die heutige Lage der jüdischen Gemeinschaft könnte besser sein: verwaiste oder für völlig andere Zwecke verwendete Synagogen, offen antisemitische Äußerungen von Ministerpräsident Viktor Orbán und seinen Parteigenoss/innen. Iván Fischer und sein Budapest Festival Orchestra setzen ein Zeichen dagegen. Seit 2014 bespielen Mitglieder des Orchesters Synagogen in der Umgebung von Budapest.

Werbung für sein Orchester hat Fischer dabei weder im Sinn noch nötig; er ist ein Überzeugungstäter des Miteinanders, der Öffnung, der Kommunikation. Bei der Saisoneröffnung im Konzerthaus Berlin Anfang September ließ er sich vor Beginn des Konzerts ein Mikrophon reichen – und äußerte, als Ungar, seine Wut auf die ungarische Regierung, verbunden mit der Forderung, jeden Flüchtling dorthin reisen zu lassen, wohin er wolle. Bald organisierte Fischer – ohne das an die große Medien-Glocke zu hängen – LKWs, die die Flüchtlinge an den Grenzen zu den Nachbarländern Ungarns mit Lebensmitteln und Wasser versorgen.

Hier, in der Umgebung von Budapest, geht es ihm um seine eigenen Landsleute, und um die Kultur einer Glaubensgemeinschaft. Zwischen den Musikstücken – Fischer trägt seine Kippa, wie auch die männlichen Musiker seines Orchesters – tritt Shlomó Köves, der Chefrabbiner der Israelitischen Glaubensgemeinschaft in Ungarn, ein junger Mann von Mitte dreißig, auf und beantwortet Fragen. Was ist überhaupt eine Synagoge? Was wird dort drinnen gemacht?

Es gibt (Link zum Programm) Musik des ungarisch-britischen Komponisten Mátyás Seiber (1905–1960), außerdem von Puccini und Schostakowitsch und ganz zum Schluss verschiedene Klezmer-Stücke. Die Musiker treten mal in kleiner Streicher- oder Bläserbesetzung auf, später dann auch fast komplett zusammen. Die Klezmer-Stücke reißen die Zuhörer besonders mit, bald wird unmittelbar nach jedem Stück rhythmisch geklatscht.

Der Plan von Köves und Fischer scheint aufzugehen. Mit viel Humor informieren sie die Menschen über den jüdischen Glauben – und bringen Musik mit, man hört es: gespielt von Musiker/innen eines der besten Orchester der Welt.

VAN: HERR FISCHER, WIE IST DIE IDEE ENTSTANDEN, KONZERTE IN SYNAGOGEN RUND UM BUDAPEST ZU VERANSTALTEN?

Iván Fischer: Auf die Idee kam ich in einem Gespräch mit dem Chefrabbiner der Israelitischen Glaubensgemeinschaft in Ungarn, Shlomó Köves, der ja auch während des Konzertes über die Synagoge und ihre Geschichte gesprochen hat. Wir dachten uns: Da stehen noch diese Synagogen – und was lässt sich mit der Unkenntnis der Bevölkerung darüber anfangen? Darin sahen wir eine Gelegenheit. Viele Leute, aber eben kaum noch Juden, wohnen um die Synagogen herum und wissen nicht: Was ist überhaupt eine Synagoge? Was geschah in der jüdischen Gemeinde damals in dieser kleinen Stadt? Wie war das Leben hier, als Juden noch ganz normale Nachbarn waren? Denn aus Unwissenheit entstehen natürlich Vorurteile. So kam uns die Idee, die Leute hier mit Musik hineinzulocken. Nicht gemeint als »Trick«, sondern als Einladung, in ein Konzert zu gehen und vom Rabbiner mehr über den jüdischen Glauben und die Geschichte der Synagoge zu erfahren. Musik bringt gute Gefühle hervor – und so bauen wir Schritt für Schritt Vorurteile ab.

DAS HEISST, DIE BEVÖLKERUNG WEISS GRÖSSTENTEILS GAR NICHT, WIE DIE SYNAGOGE JEWEILS VOR ORT VON INNEN AUSSIEHT?

Das ist ganz unterschiedlich. Wir waren mit diesem Programm bisher in 12, 13 Synagogen. Darunter solche, die beispielsweise durch Ausstellungen oder sogar Konzerte in der Bevölkerung etwas bekannter sind. Aber die Synagoge in Albertirsa ist zum Beispiel eine Ruine. Vögel fliegen durch die glaslosen Fenster rein und raus. Nach dem Konzert dort haben wir das Publikum gefragt, wer noch nie in dieser Synagoge war. Die meisten meldeten sich …

Ja. Dadurch entstand diese hässliche Innenstruktur. Oben ist noch die ursprüngliche Galerie zu sehen. Aber die fantastische Nachricht ist, dass das Ganze wieder eine Synagoge werden wird! Es gibt einen sehr enthusiastischen Herren in diesem Dorf, der die kleine, winzige Gemeinde hier neu aufbaut und erreicht hat, dass die Synagoge an die jüdische Glaubensgemeinschaft zurückgegeben wird. Ab dem nächsten Jahr kann man hier wieder normale Gottesdienste erleben.

ALS DEUTSCHER HIER IN UNGARN DENKE ICH MIR SCHON: MEINE GROSSVÄTER SIND DAFÜR VERANTWORTLICH, DASS DAS JÜDISCHE LEBEN IN UNGARN FAST AUSGELÖSCHT WURDE … UND HEUTE WIRD HIER WIEDER BEETHOVEN GESPIELT…

Die deutsche Kultur hatte schon immer einen besonderen Wert bei den osteuropäischen Juden. Ich erinnere mich an meinen Onkel, der ein Goethe-Forscher war. Auch die Musik: Beethoven, Wagner … es gab große Wagner-Fans unter den Juden! Das war immer da – und die Leute haben zum Teil gar nicht verstanden, warum die Deutschen so etwas tun. Und später ist die Bewunderung für die deutsche Kultur hier eigentlich ohne Probleme weiter gegangen. Die überlebenden Juden in Ungarn sind genauso große Goethe- und Beethoven-Verehrer wie ihre Großväter. Und das finde ich sehr schön.

BEI DER SAISONERÖFFNUNG IM KONZERTHAUS BERLIN ANFANG SEPTEMBER HABEN SIE DIE UNGARISCHE REGIERUNG AUFGEFORDERT, DIE SYRISCHEN FLÜCHTLINGE UNGEHINDERT WEITERREISEN ZU LASSEN. ICH BIN HEUTE ZUM ERSTEN MAL IN UNGARN – NATÜRLICH MIT GEMISCHTEN GEFÜHLEN. SOLLTE MAN UNGARN ÜBERHAUPT MOMENTAN BEREISEN? UNTERSTÜTZT MAN NICHT DADURCH, NAIV GEFRAGT, DIE ORBÁN-REGIERUNG?

Ich finde das, was das ungarische Regime tut, falsch. Es gibt aber viele Leute in Ungarn, die den syrischen Flüchtlingen helfen. Ich bin selber an einer Hilfsaktion beteiligt. Wir bringen Wasser und Lebensmittel zu den Flüchtlingen. Erst heute ist unser Lastkraftwagen nach Kroatien abgefahren, um dort zu helfen. Das große Problem ist die Stimmung, das Gefühl, das die Regierung und die regierungsfreundliche Mehrheit vermitteln. Dort werden die Flüchtlinge nicht als Menschen, sondern als Bedrohung für ihre nationalen Traditionen gesehen. Und diese Angst ist übertrieben und überhaupt nicht berechtigt. Diese Angst muss abgebaut werden, und man muss einfach an Ort und Stelle kämpfen und diskutieren.

https://van.creatavist.com/ivanfischer-interview