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Mahler Symphony No.5.

Stellte man die These auf, bei Mahlers fünfter Sinfonie handelte es sich um eines seiner lyrischsten, gesanglichsten Werke, bestünde durchaus die Möglichkeit, dass man nicht ganz für voll genommen würde.

Doch genau dieser Eindruck drängt sich beim Hören von Iván Fischers Interpretation dieses Werks geradezu auf. Wenig findet sich etwa im zweiten Satz von der aggressiven Dramatik, die etwa Georg Solti in seinem Dirigat mit dem Chicago Symphony Orchestra so unvergleichlich zu entfesseln wusste. „Stürmisch bewegt. Mit größter Vehemenz“? Nicht bei Fischer! Stattdessen geht der Dirigent mit höchstem Feingefühl zu Werke, bringt die melodischen Linien mit viel Liebe zur Entfaltung. Er praktiziert eine bewundernswerte Rubato-Kultur und reichert die Artikulation gelegentlich mit weichen, doch nie überzogenen Portamenti an, die einem das altmodisch gewordene Adjektiv „kakanisch“ in den Sinn bringen.

Es stellt sich natürlich die Frage, ob ein solch zurückhaltender und weicher Ansatz nicht zumindest ein wenig an der Grundaussage des Werks vorbeizielt. Doch entkräften sich derartige Einwände vor allem aufgrund Fischers Fähigkeit, den Charakter jedes einzelnen Abschnitts genau zu definieren und die einzelnen Teile innerhalb der Sätze mit zwingender Logik aufeinander zu beziehen. Zudem wird die thematische Summe, die im Finale gezogen wird, die Rückblicke auf die vorangegangen Sätze, in Fischers Interpretation deutlicher herausgearbeitet, als dies gemeinhin der Fall ist. Zieht man die unvergleichliche Klangkultur des Budapester Orchesters hinzu, kommt man zu dem Ergebnis, dass hier eine zwar sehr ungewöhnliche, doch faszinierende Einspielung von Mahlers viel gespielter Fünfter vorliegt.

 

FONO FORUM, Thomas Schulz